Walter Robert Corti (1910 - 1990)

- Walter Robert Corti
Wie? Woher? Wohin? Der Knabe Walter Robert Corti war ein unermüdlicher Fragensteller. Er wollte die Welt erforschen und ergründen. Sein grösster Förderer war sein Vater, der eine Chemiefabrik in Dübendorf betrieb und die vielen Fragen seines jüngsten Sohnes mit Geduld beantwortete und ihn früh zum Lesen von naturwissenschaftlicher und philosophischer Literatur inspirierte.
Corti war nicht nur ein interessierter Schüler, sondern auch ein sensibler Mensch. Grossen Eindruck hinterliess bei ihm ein Jugenderlebnis 1921 auf einer Wanderung im Gebiet der Dreisprachenspitze. Er fand in einem Waffenrock aus dem Ersten Weltkrieg einen Brief der Eltern an den gefallenen Soldaten, in dem diese ihre Besorgnis ausdrückten über das lange Schweigen des Sohnes. Dieses Erlebnis hielt er später auch in seinen Schriften fest.
Corti besuchte das Freie Gymnasium in Zürich sowie das Landschulheim Glarisegg im Thurgau und schloss mit der eidgenössischen Matur in Basel ab. Danach begann er an der Universität Zürich Medizin zu studieren, unter anderem auch in Wien und Berlin, wo er in den 30er Jahren das Aufkommen des Nationalsozialismus miterlebte.
1937 beendete eine Tuberkuloseerkrankung jäh seinen Traum, Arzt zu werden. Zunächst weilte Corti zur Erholung in Davos, dann längere Zeit in Ägeri im Ferienhaus seiner ehemaligen Studienkollegin Marie Meierhofer. Dort begann er sich vermehrt der Philosophie zu widmen. 1940, von seiner Krankheit genesen, gewann er mit einem Aufsatz einen Wettbewerb der Schweizerischen Hochschulzeitung und kam dabei mit zahlreichen Persönlichkeiten in Kontakt. Aufgrund seiner literarischen Begabung und seinen Philosophiekenntnissen erhielt er eine Anfrage der Monatszeitschrift «DU», die im März 1941 zum ersten Mal erschienen war und sich in jeder Nummer mit einem neuen Schwerpunktthema befasste. Corti sagte schliesslich zu.
Das Echo, das sein Aufruf für den Bau eines Kinderdorfs 1944 auslöste, veränderte sein Leben schlagartig und nachhaltig. Das Kinderdorf wurde zu seinem Lebenswerk, obwohl es eigentlich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Verwirklichung eines anderen Plans sein sollte: Corti hatte davon geträumt, eine internationale Gelehrtensiedlung, eine Akademie für ethische Forschung, ins Leben zu rufen. Sein Traum gedieh bis hin zu den Bauplänen und scheiterte letztlich an den fehlenden finanziellen Mitteln. Seine Hinterlassenschaft, das Archiv für genetische Philosophie, das er seit 1950 zu diesem Zweck aufgebaut hatte, ist heute im Besitz der Arbeits- und Forschungsstelle für Ethik der Universität Zürich.
Corti heiratete Anuti Bonzo, die er während seines Erholungsaufenthalts in Ägeri kennengelernt hatte. Die beiden haben vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Die Familie Corti lebte 1949 mit ihrer ältesten Tochter für ein halbes Jahr selbst im Kinderdorf. Corti war auch lange nach Abgabe des Amts als Stiftungsratspräsident regelmässiger Gast im Kinderdorf.
Den persönlichen Nachlass ihres Mannes schenkte Anuti Corti-Bonzo 1997 der Zentralbibliothek Zürich. Hier wurde in der Handschriftenabteilung der reichhaltige Bestand für die Benutzung erschlossen. Der umfangreiche Nachlass umfasst Tausende von Briefen, Werkmanuskripte und Unterlagen sowohl zum persönlichen Werdegang Cortis als auch zur Geschichte des Kinderdorfes Pestalozzi und der Akademie für ethische Forschung.
Anuti Corti-Bonzo lebt heute in Winterthur. Sie konnte kürzlich ihren 90. Geburtstag feiern.



