Zwei Stunden pro Tag, im Licht einer Taschenlampe, lernt er Lesen, Schreiben und Rechnen.
Sikor (15), Laos
Sikor sitzt vor einer geflochtenen Strohmatte, auf der ein grosser Haufen Reiskörner liegt. Schwungvoll lässt er einen grossen, runden Fächer am Haufen vorbei sausen. Millimetergenau. Immer und immer wieder. Mischt zwischendurch den Reis mit der Hand auf. Dadurch kann er die letzten Reishülsen entfernen, die nach dem Schlagen der Reisruten noch immer an den Körnern kleben. Auf den Reisfeldern im laotischen Hochland packt die ganze Familie mit an. Vater, Mutter, Kinder, jede Hand wird gebraucht. Im März wird ein Stück Wald gerodet und abgebrannt. Im Juni wird der Reis gesät. Im November ist Erntezeit; die Reisstauden werden von Hand geschnitten, geschlagen und in grosse Säcke gefüllt.
Es geht gegen Mittag. Sikor ist bereits seit vier Stunden auf dem Feld am Arbeiten. Er schwitzt und wischt sich den Schweiss am grauen Ärmel seines Hemdes ab. Seine Hände sind rau und rissig. Der Reisstaub bleibt an seinem Kopf kleben. Dieser ist kahl rasiert, ausser an einer winzigen Stelle am hinteren oberen Kopfende. Ein langer Pferdeschwanz reckt sich hier frech in die Höhe. „Weil die Seele im Kopf steckt“, erklärt er seinen Kopfschmuck.
Sikor ist Waise, hat aber beim Dorfältesten Aufnahme gefunden. Die Familie ist zahlreich, Sikor weiss nicht genau, wie viele Geschwister er hat. Die Arbeit ist hart. Während der Erntezeit müssen alle mithelfen, für den Schulbesuch bleibt keine Zeit. Doch Sikor hat Glück. Am Abend besucht er den Abendkurs in seinem Dorf. Zwei Stunden pro Tag, im Licht einer Taschenlampe, lernt er Lesen, Schreiben und Rechnen. Bis ihm die Augen zufallen.




