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Das Kinderdorf

Ein Kinderdorf für die Welt

Kinder spielen auf eine Wiese im Kinderdorf Pestalozzi

Wenn man die Geschichte der Schweiz und ihre humanitäre Tradition betrachtet, ist es vielleicht kein Zufall, dass gerade in diesem Land die Idee eines internationalen Kinderdorfes entstand. Der Gründer des Kinderdorfes und Philosoph Walter Robert Corti rief 1944 nicht nur auf, „Dringliches, Mögliches, Sinnvolles und Richtiges“ im Sinne einer Nothilfe anzupacken, sondern betonte von Anfang an die heilende Wirkung des Zusammenlebens von Kindern aus verschiedenen – damals stark verfeindeten – Nationen. Er sprach Grundsätze an, die heute nichts an Bedeutung verloren haben und die vor allem in der interkulturellen Pädagogik höchst aktuell sind. Die Bereitschaft, das Trennende zu überbrücken, ist der erste Schritt eines Lernprozesses, an dessen Ende man mit Vielfalt umzugehen versteht und sie wertschätzen kann.

 

Die Welt kam in Gestalt vieler Kindergruppen aus europäischen Ländern, später auch aus anderen Ländern weltweit ins Kinderdorf nach Trogen. 1982 begann die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in die Welt zu gehen, um dort zu wirken, woher die Kinder und Jugendlichen kommen, mit dem Ziel „das friedliche Zusammenleben durch umfassende Stärkung der Kompetenzen und Rechte von benachteiligten Kindern und Jugendlichen“ zu fördern, wie es im heutigen Positionierungssatz der Stiftung heisst.

 

Schulklasse im Kinderdorf für Projektwoche

Die Kinder im Kinderdorf

Heute leben Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund für einige Jahre fest im Kinderdorf, in sozialpädagogischen Wohngemeinschaften Integration. Sie kommen aus der Schweiz, sie sind oft bereits hier geboren, sie haben zum Beispiel Eltern, die vor Kriegswirren aus Osteuropa in die Schweiz flohen. Im Kinderdorf üben die Jugendlichen nun den Balanceakt ihrer unterschiedlichen Herkünfte und Werte. Von dieser Methodik und langjährigen praktischen Erfahrungen, wie Brücken gebaut werden können, profitieren auch die Bildungsprogramme der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi. Immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund besuchen Schweizer Schulen und erfordern eine ganz neue, methodische Haltung für den Schulunterricht. Wer wissen möchte, welche Kräfte und Fähigkeiten kulturelle Vielfältigkeit frei setzen kann, sollte einmal eine Schweizer Schulklasse für eine Woche hinauf ins Kinderdorf begleiten.

 

Das Kinderdorf bietet mit seinem weitläufigen Gelände, Sportanlagen und dem Jugendtreff viele Möglichkeiten, sich ausserhalb der formalen, angeleiteten Interventionen zu treffen. Diese informelle Begegnungsebene ist mindestens ebenso wichtig wie die angeleitete, formelle, wenn aus Begegnungen länger andauernde Freundschaften werden sollen. Akzeptanz und Toleranz lassen sich noch trainieren, aber spätestens die beiden nächsten Stufen auf der Skala der interkulturellen Kompetenz, Sympathie und Empathie, benötigen unbeaufsichtigte Freiräume und den Zauber der Zufälligkeit.

 

Kinder spielen überall auf der Welt, hier in Guatemala

Die Kinder weltweit

Das Kinderdorf Pestalozzi ist fast eine kleine Schweiz in der Schweiz. Interkulturelle Kompetenz wird gelebt, gelehrt und weitervermittelt und die Ideen strahlen in die Welt hinein. Inzwischen weltweit in zwölf Ländern auf vier Kontinenten, wo über lokale Partnerorganisationen die Grundschulbildung und das interkulturelle Zusammenleben für benachteiligte Kinder und Jugendliche gefördert werden Entwicklungszusammenarbeit. Diese Arbeit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in der Schweiz und im Ausland erfolgt aus der Erfahrung und Erkenntnis, dass der interkulturelle Austausch und das interkulturelle Zusammenleben zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter entscheidend beitragen, die Kompetenzentwicklung unterstützen und es den Kindern und Jugendlichen erleichtern, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

 

Internationale Auswirkungen

Nach der Gründung des Kinderdorfs Pestalozzi 1946 entstanden auch in anderen Ländern Kinderdörfer: zunächst Wahlwies in Deutschland, Sedlescombe in England und Bangalore in Indien. Diese Dörfer gaben sich gemeinsam eine Charta, arbeiteten zusammen und pflegten den Erfahrungsaustausch. Im Laufe der Zeit entstanden in vielen Ländern so genannte Kinderdörfer, jedoch variieren deren Aktivitäten stark. Hervorzuheben sind hier die SOS-Kinderdörfer, die vom Österreicher Hermann Gmeiner initiiert wurden. Sie basieren ebenfalls auf Cortis Kinderdorf-Idee, jedoch beschränkt sich das Tätigkeitsfeld auf die Heim-Unterbringung der Kinder, während im Kinderdorf das Leben als internationale Gemeinschaft im Zentrum stand.

 

Das Kinderdorf erhielt zudem auch deswegen internationale Ausstrahlung, weil 1948 die Fédération Internationale des Communautés des Enfants FICE in Trogen gegründet worden war. Gründungsmitglied war Elisabeth Rotten, die zusammen mit Walter Robert Corti das Erziehungskonzept für das Kinderdorf entworfen hatte. Die FICE existiert bis heute. Ihr oberstes Ziel ist es, überall in der Welt zur Weiterentwicklung der erzieherischen Hilfen beizutragen.

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