Ethische Forschung – verspielte Vermittlung

28.05.2018 - 17:18 | Marcel Henry

Auf die Frage, was er tun würde, wenn er einen Tag lang unbegrenzte Macht hätte, antwortete 1951 der Gründer des Kinderdorfes Pestalozzi, Walter Robert Corti: «Ich würde an dem magischen Tage ruhig meine gewöhnlichen Pflichten erfüllen und der Macht nicht trauen, die solche Macht verleiht.»

Walter Robert Corti (1910–1990) war keine Persönlichkeit mit Hang zum Übermut. Er war ein Pragmatiker, ohne die Theorie je aus den Augen zu lassen. Auf dem Krankenbett, an das er in den ersten Jahren des 2. Weltkrieges wegen einer Tuberkuloseerkrankung gebunden war, gelangte der damalige Medizinstudent zur Einsicht, dass es der Menschheit nicht primär an einer verbesserten Medizin fehlte, sondern dass alles nach einer «Menschheitsmedizin» schrie. Denn ständig verfolgte ihn die Frage: Warum ist der Mensch des Menschen Mörder?

Die geplante Akademie

Und weil Corti mehr wissen wollte über die Menschen, auch über deren dunkle Seiten, veranstaltete er ab 1941 ein Seminar für menschliche Verhaltensanalyse. Seiner Auffassung nach existierte eine Notwendigkeit zur Analyse der Massenpsychologie. Zu diesem Zweck hat er – noch bevor die Not des Krieges 1946 die Gründung des Kinderdorfes einforderte – auch einen Plan zu einer Akademie für ethische Forschung aufgesetzt. Dieser sah einen Ort vor, wo Intellektuelle verschiedenster Disziplinen über längere Zeit wohnen und über die dringlichsten Fragen debattieren konnten. Alles sollte auf das Lösen konkreter gesellschaftlicher Probleme ausgerichtet sein. Diese Akademie wurde 1954 schliesslich auch formell gegründet – aber aufgrund von politischem Widerstand nie umgesetzt.

«Ständig verfolgte Corti die Frage: Warum ist der Mensch des Menschen Mörder?»

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Überlegungen mit dem Atelier für Sonderaufgaben zum Vorgehen in der nahen und fernen Zukunft des gesamten Kinderdorfes Pestalozzi. Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Das Musterdorf

Cortis Schriften und sein inniger Wunsch einer vollkommeneren Welt machen die DNA der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi aus. Die Kenntnis dieser Erbsubstanz und deren Vermittlung an ein breites Publikum bilden das eine Standbein, was im Besucherzentrum zu leisten ist. Die grössere Herausforderung besteht aber darin, das ganze Dorf in diesem Sinne zu erneuern. Denn der nach dem grossen Schweizer Schulreformer Johann Heinrich Pestalozzi benannte kosmopolitische Weiler im Appenzellerland war von Corti ursprünglich als ein Musterdorf gedacht, in dem gelebt, gelernt, gelehrt, geforscht und natürlich auch viel gelacht wird. Um diese Intention auch in einer veränderten Welt zu bewahren, braucht es viel Fantasie, Geduld und Ausdauer. Nun sind die Ausstellungsverantwortlichen im Hinblick auf das 75-Jahre-Jubiläum von 2021 auf der Suche nach dem Ungesuchten. Seit November werden im Hinblick auf die Erneuerungen der verschiedenen Ausstellungs- und Spielformate im Dorf Debatten mit Kindern und Jugendlichen, mit Mitarbeitenden, Kunstschaffenden und Gästen geführt. Zudem vertiefen sie sich in die Schriften Cortis, werten die Archive aus und formen neue Partnerschaften.

«Friede bedeutet, näher an Menschen und Dinge heranzugehen. Doch die Dringlichkeit besteht im ständigen Kampf gegen uns selbst.»

Der Umgang mit dem Unüblichen

«Alles richtige Leben ist Begegnung», soll Cortis Freund Martin Buber einmal gesagt haben. Friede bedeutet, näher an Menschen und Dinge heranzugehen. Doch die Dringlichkeit besteht im Kampf gegen uns selbst. «Wenn wir wollen, dass es in der geringsten Strohhütte wie in der ganzen Welt bessergehe, dann müssen wir das, was wir dazu beitragen können, selber tun», sagte Pestalozzi. Wichtiger denn je ist folglich unsere Beziehung zum anderen, zum Unüblichen. Goethe riet zu diesem Thema: «Toleranz sollte […] nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen; dulden heisst beleidigen.» Die Beherrschung dieser Fähigkeit, nicht nur zu dulden, sondern Fremdes schätzen zu wollen, könnte die Welt definitiv friedlicher und gleichzeitig spannender, ja überraschender machen. Und so soll die zukünftige Ausstellungstätigkeit im Kinderdorf zusammen mit der Gesamtheit der Neuerungen im Dorf dazu einen weiteren wichtigen Beitrag leisten. Und noch etwas: Auch das Spiel, das Träumen und Fantasieren von einer lebenswerteren Welt, soll bis zum 75-Jahr-Jubiläum der Stiftung im Jahre 2021 kuratorisch ein Element werden. Denn was sagte Schiller? «Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt.»

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Im Kinderdorf Pestalozzi realisierten vierzig Jugendliche aus Serbien zusammen mit den Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben ein neues Spielfeld. Video unter https://bit.ly/2DQXPa0. Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

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