Arbeit und Schule unter einem Hut

Gewalt und Armut prägen den Alltag vieler Menschen in Honduras. Für viele Jungen und Mädchen gehört es zudem zur Realität, neben der Schule arbeiten zu müssen, um so zum Familieneinkommen beizutragen.

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Yosman, 11, konnte trotz langen Arbeitstagen seine schulischen Leistungen verbessern.

Eldi ist zwölf und besucht die sechste Klasse. Neben der Schule packt sie im kleinen Geschäft ihrer Mutter mit an und verkauft zusätzlich auf der Strasse gebrauchte Kleidung. Arbeitspensum: 5-6 Stunden pro Tag. Yosman ist elf und geht in die fünfte Klasse. Um seine Mutter bei den Haushaltskosten zu unterstützen, arbeitet er in einem Lebensmittelladen in der Nachbarschaft. Arbeitsaufwand: 4-8 Stunden pro Tag. Dass sich solche Pensa nur bedingt mit der Schule vereinbaren lassen, widerspiegelt sich oft in den Schulnoten: In der Gemeinde San Antonio de Oriente fällt jedes zehnte Kind durch die jährlichen Prüfungen.

Auf Bedürfnisse reagieren

Dem will die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi zusammen mit der lokalen Partnerorganisation Asociación Compartir entgegenwirken. Das Projekt zielt darauf ab, eine sichere, gewaltfreie und fördernde Lernumgebung für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Integrative und flexible Beurteilungsprozesse sollen den Schulzugang, den Verbleib sowie den schulischen Erfolg der Schüler:innen unterstützen. Zeitgleich nehmen die Lehrpersonen der Projektschulen an Weiterbildungen zu Beurteilungsprozessen, gewaltfreier Kommunikation und partizipativen Lehrmethoden teil und verbessern so ihre Unterrichtspraktiken. Da die Corona-Pandemie in Honduras zu anhaltend langen Schulschliessungen geführt hat, wurde das Projekt dahingehend angepasst, dass es benachteiligte Kinder im Fernunterricht besser unterstützen kann. Konkret setzen wir auf Hausbesuche, die Sensibilisierung von Eltern sowie auf die Beratung von Lehrer:innen und Schulleiter:innen bei der Einführung von akademischer Nachhilfe.

Mit physischer Präsenz helfen

Zurück zu Eldi und Yosman. Beide machen Tag für Tag den Spagat zwischen Arbeit und Schule. Eldi versucht sich jeweils am Vormittag nach dem Frühstück Zeit für die Hausaufgaben zu nehmen. Yosman erledigt seine Schulaufgaben am liebsten am Wochenende. «Dann ist meine Tante zuhause und kann mir helfen», so der Elfjährige. Findet der Unterricht wie im vergangenen Jahr nur Online statt, schicken die Lehrpersonen alle zwei Wochen per WhatsApp einen Leitfaden zu den Aufgaben in den verschiedenen Fächern. Yosman sowie auch Eldi erhalten zweimal wöchentlich Nachhilfeunterricht von Freiwilligen aus der Gemeinde. Ein Angebot innerhalb des Projektes, welches sie sehr schätzen. «Diese Stunden helfen mir, die Aufgaben besser zu verstehen», sagt Yosman. «Und ich fühle mich sicherer, dass ich die Aufgaben und Übungen gut gemacht habe.» Auch Eldi ist froh um die zusätzliche Unterstützung. «Meine Nachhilfelehrerin hat mir mit den Multiplikationsübungen in der Mathematik sehr geholfen.»

Für Kinder, Eltern und Lehrpersonen

Elia Lizeth Borjas Sosa ist eine dieser freiwilligen Helferinnen. Als zweifache Mutter engagiert sie sich aus Überzeugung im Projekt: «Kinder brauchen direkte Hilfe, um die akademischen Leistungen zu erreichen.» Darüber hinaus nutzt sie ihre Position, um mit anderen Eltern in der Gemeinde über die Bedeutung von Schulbildung zu sprechen. Im Allgemeinen unterstützten die Eltern den Schulbesuch der Kinder, sagt Reina Isabel Ortega Salgado, eine weitere Tutorin. «Eldis Mutter beispielsweise ermutigt ihre Tochter immer wieder, an den Schulaktivitäten teilzunehmen.» Darum erachtet die 45-Jährige die Hausaufgabenhilfe als wertvolle ergänzende Aufgabe, welche die Kinder unterstützt und gleichzeitig Eltern und Lehrpersonen entlastet. Eldi und Yosman arbeiten zwar beide weiterhin, aufgrund der Sensibilisierung der Eltern durch das Projektteam jedoch täglich deutlich weniger. Dank der zusätzlichen Hilfe aus dem Projekt haben sie aber den schulischen Anschluss nicht verloren. Beide konnten ihre Noten steigern und sind in die nächste Klasse aufgestiegen.