«Alles war sehr bescheiden, aber wir hatten alles, was wir brauchten»

30.01.2019 - 15:57 | Marcel Henry

Sie war eine der Ersten, die den DU-Artikel las, der den Anstoss zum Bau des Kinderdorfes Pestalozzi gab: Anuti Corti, die Witwe des Kinderdorf-Gründers Walter Robert Corti. Am 3. November 2018 ist sie 100 Jahre alt geworden; gefeiert wurde ihr runder Geburtstag im Kinderdorf Pestalozzi. Und sie brennt noch heute für die Idee einer Oase des Friedens im Appenzellerland.

anuti_corti
Anuti Corti in ihrer Wohnung in Winterthur.
Anuti Cortis Wohnung in Winterthur gleicht einer Gedenkstätte für Walter Robert Corti (1910–1990). Porträts ihres Gatten und seiner Weggefährten sowie der eigenen Familie erscheinen an den Wänden neben Kinderporträts aus der frühen Zeit des Kinderdorfes. Alben und Archivboxen reihen sich in den Büchergestellen. Wer aber genauer hinschaut, stösst da noch auf eine andere Persönlichkeit: Roger Federer. Anuti Cortis Bewunderung für den grossen Tennisstar ist in ihrer Wohnung, die sie auch mit 100 Jahren noch allein bewohnt, offensichtlich. So war es eine besondere Überraschung, als an ihrem 100. Geburtstag im Kinderdorf – während Roger Federer in Paris um den 100. Sieg kämpfte – seine persönlichen Glückwünsche an Frau Corti per Videobotschaft abgespielt wurden. Roger Federer, dem sie einst in Zürich vorgestellt worden war, bedankte sich, dass sie immer ein so toller Fan war und ist, und er hoffe, dass auch er einmal 100 Jahre alt werden dürfe. Die Freude war riesig; und als sich auch noch ihre neun Enkelkinder mit Erinnerungen an sie gewendet hatten und ihr Leben in Bildern den Gästen vor Augen geführt wurde, sagte sie sichtlich gerührt: «Ich finde keine Worte. Ich kann es kaum glauben, dass ich das bin und diesen Moment noch erleben darf.»
archivaufnahme_walter_robert_und_anuti_corti_1

Durch Neugierde zur idealen Gattin

Dass sich ihr Leben so entwickeln würde, war nicht absehbar. In der Schule konnte sie noch so gut sein, ein Mädchen war damals in den 1920/30er-Jahren ein Mädchen. Aber sie habe Glück gehabt, sagte Tochter Claudia in ihren Worten zur Jubilarin, damals nämlich, als sie ihren Walter Robert kennengelernt hatte. Er habe gemerkt, dass sie eine Persönlichkeit war, die vielleicht etwas weniger wusste, etwas weniger lang die Schulbank drücken konnte als er, die aber neben Schönheit und Herzensbildung eine grosse Neugierde mitbrachte. Was immer Walter Robert dachte, las, sagte und tat, habe Anuti nicht nur interessiert, sondern sie habe auch daran teilgenommen. «Auf diese Art und Weise wurdest du zu seiner Partnerin im umfassenden Sinne, zu seiner Lebenspartnerin», sagte die Tochter.

archivaufnahme_walter_robert_und_anuti_corti_2

Die Rückseite des Einzahlungsscheins

Kennengelernt hatte Anuti ihren Walter 1940; sie war damals in Ägeri als Zahnarztgehilfin tätig. Er hat «gottlob» Zahnschmerzen bekommen, wie Frau Corti ausführt. Auf der Rückseite des Einzahlungsscheins, der mit der Rechnung auf die Wurzelbehandlung folgte, schrieb der junge Corti: «Und lassen Sie mir das Mädchen mit den Puszta-Augen herzlich grüssen» (Puszta bezeichnet eine Landschaft in Ungarn), womit Anuti Bonzo, später Corti, gemeint war. So ist sie, die beim Zahnarzt auch die Buchhaltung erledigte, auf das Interesse ihres zukünftigen Gatten gestossen, doch noch funkte es nicht. Drei Jahre später suchte Walter Robert jemanden, der gut Maschine schreiben konnte, denn in der Zwischenzeit war er beim DU als Redaktor engagiert worden. Er rief Anuti beim Zahnarzt an und sie trafen sich. Anuti sagte zu, in Zürich seine rechte Hand zu werden. Daraus wurde mehr. Aber bevor es dazu kam, war noch dies: Als sie bei ihm anfangen sollte, litt sie an einer schweren Erkältung. Sie schrieb ihm dies, worauf er ihr Vitamin-C-Tabletten zukommen liess. «Das hat mich tief gerührt, denn ich war es nicht gewohnt, dass man so um mich besorgt war.» Ein sinnstiftendes Leben Anuti Corti hat sich zeitlebens in die zweite Reihe gestellt. «Ich habe die Kleider von den Frauen der Freunde meines Mannes getragen», sagt sie bescheiden. Es sei immer gegangen. Alles war sehr bescheiden, aber sie hätten es nicht so empfunden. «Wir hatten alles, was wir brauchten.» Anuti Corti ist mit ihren 100 Jahren wohl die Einzige, die die gesamte Geschichte des Kinderdorfes noch überblicken kann. Das Feuer für die Idee ist ihr bis heute geblieben. «Es ist daher nicht nur schön, dass wir deinen 100. Geburtstag im Kinderdorf feiern dürfen», wie ihre Tochter meinte, «es gibt auch keinen stimmigeren Ort für dieses Fest.» In diesem Sinne hoffen auch wir, die Mitarbeitenden des Kinderdorfes, die vitale und humorvolle Jubilarin noch möglichst lange besuchen und befragen zu dürfen. Die Chancen stehen gut, denn Anutis Mutter hat das Alter von 110 erreicht.

Weitere Artikel von Marcel Henry

Spenden

Placeholder disclamer

Ja, ich möchte für die dringendsten Projekte spenden.

Ja ich möchte für das Kinderdorf spenden.

Ja ich möchte für Ostafrika spenden.

Ja ich möchte für Südostasien spenden.

Ja ich möchte für Südosteuropa spenden.

Ja ich möchte für Zentralamerika spenden.

Ja, ich möchte dem Freundeskreis beitreten.

Herzlichen Dank für Ihre Spende

Erzählen Sie Ihren Freunden vom Kinderdorf Pestalozzi.

Weitersagen