Vom Lachen, Lernen und dem Herdentier

19.02.2020 - 16:15 | Milena Palm

Zum ersten Mal hat im Oktober der Bayerische Jugendring (BjR) an einer Austauschwoche im Kinderdorf Pestalozzi teilgenommen. Die Schülerinnen und Schüler der 6. bis 8. Klasse aus Pressath haben in Trogen nicht nur Bratwurst und Volkstänze kennengelernt – viele sind im Austausch über sich hinausgewachsen.

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Beim Austauschprojekt sind rund 20 Schülerinnen und Schüler aus Pressath (DE) mit Kindern aus Moldawien und Wetzikon zusammengekommen.

«Cool. Einfach alles war cool», sagt Tobias, ein Schüler aus Pressath über die Austauschprojektwoche des Bayerischen Jugendrings im Kinderdorf Pestalozzi. Die spürbare Begeisterung ist das Ergebnis einer intensiven Woche, in der die Jugendlichen über sich hinauswachsen konnten. Das hat auch Hans Walter beobachtet. Der Lehrer hat die Jugendlichen nach Trogen begleitet. «Mir ist aufgefallen, wie die Jugendlichen ihr Verhalten nach und nach geändert haben, wenn sie auf Kinder der anderen Gruppen getroffen sind», erzählt er.

«Die Jugendlichen haben ihr Verhalten nach und nach geändert, wenn sie auf Kinder der anderen Gruppen getroffen sind.»

Hans Walter – Lehrperson

Die Jugendlichen aus Pressath brauchten allerdings etwas Anlaufzeit, um diese Kooperationsbereitschaft an den Tag zu legen. Das hat auch Barbara Germann, Pädagogin der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, beobachtet. «Wir wollten zwischen den Jugendlichen aus Moldawien, Wetzikon und Bayern mit einer einfachen Übung das Eis brechen. Sie sollten sich gegenseitig Wörter übersetzen.» Die Übung basierte auf Eigeninitiative, was aber mit der zurückhaltenden Gruppe nicht funktionierte. «Man hätte zu allen hingehen und jeden und jede einzeln begleiten müssen», erklärt sie. Für Hans Walter hat die geringe Bereitschaft zum Mitmachen unter anderem mit Unsicherheit zu tun.

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Sprachbarrieren spielerisch überwinden: Die Jugendlichen bauen gemeinsam eine Murmelbahn.

Ängste und Unsicherheiten überwinden

Die Unsicherheit, mit der die Jugendlichen zu Beginn kämpften, hat auch die Pädagogin bemerkt. Ein Faktor für diese Unsicherheit sei die Sprachbarriere und die damit verbundene Angst vor dem Austausch. Für die Jugendlichen sei es auch schwierig gewesen, aus ihrer Komfortzone herauszutreten, meinte Barbara Germann.

Die Jugendlichen aus ihrer Komfortzone zu bringen, ohne sie zu überfordern, war also die Herausforderung im Austauschprojekt mit dem BJR. Für Barbara Germann sind kleine Schritte entscheidend. Am Nachmittag hat sie deshalb die Übersetzungsübung nochmals anders versucht. In Zweiergruppen haben die Jugendlichen eine Runde durch das Dorf gemacht. Eine 13-jährige Schülerin aus Pressath hat dabei gelernt, auf Moldawisch bis fünf zu zählen: «Unu, doi, trei, patru, cinci», spricht sie stolz vor.

Es sei wichtig, dass die Übungen aufeinander aufbauen und sich den Jugendlichen anpassen. «So realisieren sie kaum, dass sie nicht mehr in ihrer sicheren Zone sind und können über Spiel, Spass und Lachen in eine Interaktion gehen», erklärt die Pädagogin weiter.

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In der Aussenseiterrolle: Im Spiel erfährt eine Schülerin, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden.

Der Mensch, das Herdentier

Der Mittwoch war für die Jugendlichen der intensivste Tag. «Die drei Sprachen der Jugendlichen haben wir in einer Übung gezielt genutzt. Anhand der Sprachbarriere haben sie dann erfahren, wie es ist, ausgeschlossen zu sein oder selber auszuschliessen», erklärt Barbara Germann. Das Motto des Tages: Zusammen sind wir stark – aber was ist mit den Aussenseiterinnen und Aussenseitern? Dazu wurde eine spezielle Erfahrungsübung gemacht.

«Ihr könnt nun eure Augen schliessen», sagt Barbara Germann zu den Jugendlichen, die im Kreis sitzen. Nach anfänglicher Unsicherheit schliesst sich ein Augenpaar nach dem anderen. Die Pädagogin klebt nun jeder und jedem einen farbigen Punkt auf die Stirn. «Ihr könnt eure Augen wieder aufmachen und Gruppen bilden, ohne miteinander zu sprechen.» Die Jugendlichen schauen umher und gruppieren sich nach der Farbe des Klebers. Ein Mädchen bleibt übrig, alleine und abseits. Ihr Kleber hat eine eigene Farbe.

«In dieser kurzen Übung wird unter anderem sichtbar, dass der Mensch nicht gerne alleine dasteht, sondern lieber Teil einer Gruppe ist», erklärt Barbara Germann. Die Kinder realisieren, dass andere aufgrund eines Merkmals ausgeschlossen werden. Wegen eines Punktes wird alles andere unwichtig. «Nimmt jeder seinen Punkt weg, unterscheidet uns fast nichts mehr», ergänzt sie.

«Nimmt jeder seinen Punkt weg, unterscheidet uns fast nichts mehr.»

Barbara Germann – Pädagogin

Sich für andere einsetzen

Diskriminierte Menschen werden oft ausgeschlossen. Deshalb ging es auch um Zivilcourage. «Die Kinder wurden aufgefordert, sich an Momente zu erinnern, in denen jemand ausgeschlossen wurde», erklärt die Pädagogin. Die Jugendlichen haben aus diesen Erfahrungen und Erinnerungen schliesslich Theaterstücke kreiert. Diese haben die Jugendlichen einmal ganz durchgespielt, ohne eine Lösung zu präsentieren. Beim zweiten Mal griff jeweils jemand aus dem Publikum ein. «Die Jugendlichen sollten aus ihrer Beobachterrolle heraus aktiv werden, was gerade in dieser zurückhaltenden Gruppe eine Herausforderung war. Sie haben das sehr ernsthaft gemacht, es hat immer jemand anderes eingegriffen», freut sie sich. Auch Baran und Emir haben bei der Übung neue Lösungsansätze kennengelernt: «Jetzt haben wir gelernt, wir können einen Lehrer holen.»

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Zivilcourage trainieren: Die Jugendlichen üben an Beispielen, die sie selber erlebt haben.

Was am Ende bleibt

«Bei einigen Schülerinnen und Schülern habe ich Veränderungen ihrer Einstellungen gegenüber Fremdem beobachten können», sagt Barbara Germann. Der 15-jährige Leon etwa hatte am Ende der Woche ein Aha-Erlebnis. Lange Zeit hatte er nämlich wenig Lust auf die Workshops: «Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich eine sehr ablehnende Haltung habe. Viele Aktivitäten waren eben doch toll.» Emir hat nicht nur das Programm gut gefallen: «Ich finde, die Pädagoginnen haben einen guten Job gemacht.» Auch Baran zieht eine positive Bilanz: «Ich finde gut, dass ich jetzt viel mehr über diese Themen nachdenke.»

«Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich eine sehr ablehnende Haltung habe. Viele Aktivitäten waren eben doch toll.»

Leon – 15 Jahre

Lehrer Walter ist überzeugt, dass die Projektwoche bei den Jugendlichen nachwirkt: «Sie haben viel übereinander erfahren und werden diese Erkenntnisse hoffentlich im alltäglichen Miteinander umsetzen.» Er wünscht sich, dass der neue Umgangston und die gewonnene Nähe unter den Jugendlichen bleibt und dass sie die neue Gruppendynamik und das Wir-Gefühl mit in den Schulalltag nehmen. Was sicher nachwirkt, ist die interkulturelle Erfahrung: «Die Kinder waren vom Aufenthalt in der Schweiz angetan und haben sofort nachgefragt, ob sie den Austausch im Kinderdorf als Abschlussfahrt wiederholen könnten.»

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