Gezweifelt, gewagt, gewonnen

16.08.2018 - 15:36 | Christian Possa

Projektwochen sind intensiv. Innert kürzester Zeit finden Veränderungen und Entwicklungen statt. Sich darauf einzulassen, ist auch für Lehrpersonen nicht immer einfach.

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«Wir wollen innerhalb der Klasse bleiben und sie nicht mit externen Leuten von irgendwoher mischen.» «Es gibt Themen, die wir lieber in der Klasse bearbeiten wollen. Die anderen wären da eher ein Hindernis.» «Die Kleinklassenschüler könnten die Gespräche hemmen oder stören.» Befürchtungen wie diese standen im Raum, als die Themenprojektwoche der Oberstufe Zil in St. Gallen näher rückte. Die Schule verbringt seit Jahren Projektwochen im Kinderdorf. Heuer reiste sie erstmals im gemischten Verbund an: eine Sekundar-, eine Real- und eine Kleinklasse.

Gemischte Gefühle

Für die Projektverantwortlichen der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi war es naheliegend, die drei Klassen in den Arbeitsgruppen zu durchmischen. Die Lehrkräfte fanden vorerst wenig Gefallen an diesen Gedanken. «Im Kinderdorf geht man Themen an, für die es im normalen Unterricht meist zu wenig Zeit hat», sagt Sekundarlehrer Christoph Rüegg. Die Vorstellung, genau dann nicht mit der eigenen Klasse arbeiten zu können, sei ihm anfangs schwergefallen. Trotz ihrer Bedenken haben sich Lehrpersonen und Schüler auf das Experiment eingelassen. «Anfangs waren zwar alle skeptisch und niemand hatte Lust», erinnert sich Reallehrerin Jessica Wenger, «Ende der Woche wollten sie jedoch kaum in die eigene Klasse zurück.» Sie führt diese Veränderung darauf zurück, dass die Jugendlichen im Kinderdorf in einem geschützten Rahmen verschiedene Rollen einnehmen konnten. «Dies förderte ihre Empathie sowie das gegenseitige Verständnis. Und sie konnten selber erfahren, dass es unterschiedliche Haltungen und Werte gibt.»

Mehr Tiefgang

Antonia Truniger ist Projektkoordinatorin im Oberstufenschulhaus Zil. Sie macht verschiedene Gründe aus, die dazu beigetragen haben, dass die Projektwoche trotz anfänglicher Bedenken ein Erfolg wurde: «Die super Kursleiter, die Gruppen, die Inhalte der Themen selber, aber auch die Art und Weise, wie geleitet wurde.» Christoph Rüegg ergänzt: «und die Jugendlichen können das, was sie in den Workshops lernen, direkt im Lager üben und anwenden.» Einig sind sich die Lehrpersonen aus Zil zudem darin, dass die Infrastruktur und das Setting im Kinderdorf ein wichtiger Erfolgsfaktor sind. Die Oberstufe Zil hat sich vor drei Jahren dazu entschlossen, vom Austausch- zum Themenprojekt zu wechseln. Das bedeutet, dass nicht mehr auf Englisch in gemischten Gruppen mit Jugendlichen aus Osteuropa gearbeitet wird. Stattdessen setzt sich die Klasse vertieft mit einem oder zwei Themen auseinander – dieses Jahr stand Diskriminierung auf dem Programm. Neben der Tatsache, dass sich die Schülerinnen und Schüler in den Workshops sehr positiv entwickelt haben, hat Jessica Wenger eine spannende Beobachtung gemacht: «Die Jugendlichen haben sich von sich aus durchmischt und miteinander gespielt. Und zwar auch mit den Asylanten oder den Teilnehmenden der Austauschprogramme, wo sie den Kontakt letztes Mal überhaupt nicht suchten.» Monika Bont, Leiterin Schulprojekte, sieht dies als Indiz dafür, dass der Entscheid, vom Austausch zur Themenwoche zu wechseln, richtig war.

Der Weg als Ziel

In Projektwochen nehmen die Lehrpersonen meist die Beobachterrolle ein. Sie sind zwar in den Workshops, diese werden jedoch von den Pädagoginnen und Pädagogen der Stiftung Kinderdorf geleitet. Dies ermöglicht es ihnen, ihre Klasse aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. «In dieser Woche hat sich sehr viel verändert. Gewisse, die sich vorher eher ein wenig versteckten, sind extrem aufgeblüht», stellt Christoph Rüegg fest. Jessica Wenger hat ähnliche Erfahrungen gemacht, es teilweise aber auch herausfordernd gefunden, nur zuzuschauen und nichts zu sagen. Gleichzeitig habe ihr das Projekt gezeigt, dass die non-formale Bildung mit ihren partizipativen und prozessorientierten Ansätzen funktioniere. «Bei uns geht es nicht um das Resultat, sondern um den Weg. Und darum, über das Erleben zu lernen. Unser Ansatz ist es, Kinder zu eigenständigem Handeln zu befähigen», betont Monika Bont. In Zeiten straffer Lehrpläne und hohen Leistungsdrucks für die Jugendlichen nimmt Christoph Rüegg das Thema Entschleunigung als wichtigen Input mit ins Schulzimmer zurück. «In der Sekundarschule muss es laufen, muss stets ein Resultat ersichtlich sein. Vielleicht lohnt es sich gerade bei uns, ein wenig mehr Zeit zu geben im Sinne von: Der Weg ist das Ziel.»

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