Aus Reibung entsteht Energie

27.09.2019 - 15:17 | Simon Roth

Es geht um Frieden und trotzdem gibt es Reibereien: Wenn Jugendliche am European Youth Forum Trogen diskutieren, wird es schon mal laut. Die Schweizer Mittelschülerin Lea war dieses Jahr dabei, als sich über 140 Jugendliche aus neun Nationen über die Zukunft Europas ausgetauscht haben. In der Woche hat sie viel gelernt, auch dank der intensiven Auseinandersetzungen.

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Lea hat am EYFT entschieden, mehr gute Stimmung in der Welt zu verbreiten.

Der erste Konflikt lässt nicht lange auf sich warten. Im Workshop Eurotopia zeichnen die Teilnehmenden die Umrisse Europas mit Kreidestiften auf den Boden. Und das ohne Vorlage, die sie abpausen könnten. Die Jugendlichen sollten ihr Wissen aus den neun verschiedenen Ländern kombinieren. Hier prallen Welten aufeinander. Jede Person hat eine andere Vorstellung von Europa. Lea hat bei dieser Übung Neuland betreten. Dass sich Menschen wegen einer Landesgrenze in die Haare kriegen, ist für sie unverständlich. «Ich mag Harmonie», sagt sie. Doch die Übung hat ihren Zweck erfüllt. Der Konflikt wurde bewusst provoziert. Die Übung löst eine Diskussion aus. Die Jugendlichen tauschen Argumente aus, um so zu einer gemeinsamen Lösung zu finden.

Indem die Jugendlichen ihre Vorstellungen miteinander abgleichen, entsteht Reibung und damit Energie. Sie wird in dieser Woche so manche Vision befeuern. Auch bei Lea. Sie nimmt sich vor, in Zukunft mehr gute Stimmung in die Welt zu tragen. Und genau darum geht es im Workshop Eurotopia: Jugendliche entwickeln gemeinsam Visionen und Konzepte, mit denen sie die Zukunft Europas mitgestalten.

Spass und Ernst schliessen sich nicht aus

Am nächsten Tag entwickeln die Teilnehmenden in verschiedenen Gruppen ihre eigenen Eurotopias. In der Mitte des Raumes steht ein langer Tisch. Darauf liegen Scheren, Stifte, Zeitschriften. Die Jugendlichen zeichnen, malen und schreiben ihre Visionen auf die Wände im Raum. Lea wechselt von einer Gruppe zur nächsten. Sie geht auf andere ein, hört ihnen zu und bringt sie zum Lachen. Verschiedene Teilnehmende zeigen ihr das Ergebnis ihrer Arbeit, fragen sie nach ihrer Meinung.

«Ich versuche, zurückhaltende Charaktere zu aktivieren», sagt die 21Jährige. Eine Aufgabe, für die Lea ihre eigene Persönlichkeit zurücknehmen muss, wie sie sagt. Sie stehe gerne im Mittelpunkt, gibt sie zu. Doch das Zuhören bringe ihr viel. Denn jede Person habe andere Bedürfnisse, auf die man individuell eingehen müsse. So lernt sie, wie sie Menschen mit unterschiedlichen Charakteren ermutigen kann, für sich selbst und andere einzustehen. Lea sei eine gesellige Person mit gutem Herzen, sagt Louise aus Lettland. Mit ihr könne die 16-Jährige über alles lachen. Besonders schätzt sie an Lea, dass sie eine gute Zuhörerin sei, die sich mit den Sorgen anderer beschäftigt.

«Das EYFT ist eine Mischung aus gemütlichem Beisammensein und ernsten Themen.»

Lea – Mittelschülerin
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Im Workshop Eurotopia haben Jugendliche aus neun Ländern über die Zukunft Europas diskutiert.

Für Lea geht das Konzept des EYFT auf: «Es ist eine Mischung aus gemütlichem Beisammensein und ernsten Gesprächen.» Und an letzteren mangelt es in dieser Woche nicht. Die über 140 Jugendlichen haben sich in sechs Gruppen aufgeteilt, die unterschiedliche Themenbereiche bearbeiten. Es geht um Demokratie, Identität, Diskriminierung, Geschlechterrollen, Integration und Grenzen.

Niemand wird ausgeschlossen

Anders als für viele Teilnehmende ist es für Lea nicht das erste Mal, dass sie eine Woche mit einer Gruppe verbringt. Sie war Leiterin in der Jugendorganisation Blauring. Lea legt Wert darauf, dass die Jugendlichen aufeinander achten. «Meine Devise ist: Niemand wird ausgeschlossen.»

«Mein Devise ist: Niemand wird ausgeschlossen.»

Lea – Mittelschülerin

Die Erfahrungen, die die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Trogen während des EYFT machen, sind prägend. Was sie für ihr Leben zu Hause mitnehmen, bestimmt jeder und jede selbst. Die Zeit im Kinderdorf dient dazu, Denkanstösse zu geben. «Die Jugendlichen aus Europa begegnen sich im Kinderdorf und erhalten im direkten Austausch mit anderen die Chance, ihre Probleme und Herausforderungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten», sagt Adrian Strazza, Projektverantwortlicher des EYFT. Auf diese Weise würden neue Lösungen generiert. Die Jugendlichen gingen ermutigt zurück an ihre Schulen, um aktiv anzupacken und zu handeln. «Mit ihren Inputs helfen sie, die Welt ein Stück weit besser zu machen», sagt Strazza.

Lea hat am EYFT viel über sich und andere gelernt. So habe sie etwa ihre eigene Haltung überdacht und eine positivere Einstellung gewonnen. Viel zu oft fokussiere man im Leben auf Probleme. Das gebe einem ein Gefühl von Machtlosigkeit. Im Kinderdorf Pestalozzi lernen die jungen Erwachsenen, Probleme auf eine andere Art betrachten, um so eigene Lösungsansätze zu finden. Das schafft Selbstvertrauen. Dass in Trogen Jugendliche aus neun Nationen aufeinandertreffen, ist eine einmalige Gelegenheit für die Teilnehmenden. «Diese Durchmischung erlaubt es, Vorurteile abzubauen und Schubladendenken zu hinterfragen», sagt Lea. Diese Einsicht wird jedoch erst dadurch gewonnen, dass Konflikte rücksichtsvoll ausgetragen werden. In diesem Prozess lernen die Jugendlichen, ihre Bedürfnisse auszudrücken und Einfühlungsvermögen für andere zu entwickeln. Es bestärkt sie darin, auf Augenhöhe aufeinander zuzugehen und gemeinsam Antworten auf die Herausforderungen ihrer Generation zu finden.

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