Eine ganze Oberstufe sagt Rassismus den Kampf an

10.04.2020 - 14:00 | Christian Possa

Das Schulhaus Lindenbüel Volketswil beschreitet neue Wege: Erstmals thematisiert eine gesamte erste Oberstufe im Kinderdorf Pestalozzi die verschiedenen Aspekte des friedlichen Zusammenlebens und setzt damit ein starkes Zeichen gegen Rassismus im Schulalltag.

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Schülerinnen aus Volketswil kommen sich während einer Aufwärmübung näher.

Es ist ein Herbsttag wie im Bilderbuch, als Mitte September zwei Reisecars 130 Jugendliche samt Gepäck und Lehrpersonen neben dem Sportplatz im Kinderdorf Pestalozzi ausspucken. Sechs Schulklassen, bunt zusammengewürfelt, bereit, die nächsten drei Jahre gemeinsam zu bestreiten. Und dieser Weg – so das Ziel der Projekttage – soll von gegenseitigem Verständnis und Offenheit, anstatt von Ausgrenzung und Vorurteilen gesäumt sein. Es ist das erste Mal, dass eine ganze Oberstufe Herausforderungen wie Mobbing oder Rassismus gleich zu Beginn des Schuljahres im Keim zu ersticken versucht.

«Normale Schule bedeutet hinsetzen, zuhören, lernen. Hier kann man Spass haben und mitfühlen. Durch die Spiele versteht man es besser.»

Jamie – Schüler

Mit Kopf, Herz und Hand

Die Klasse von Sonja Fröhlich wird die kommenden Tage von Julian Friedrich begleitet. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern will der Pädagoge herausfinden, was es für ein friedliches Zusammenleben braucht. Dazu taucht die Gruppe in verschiedene Themen wie Identität, Vertrauen und Kooperation, Vorurteile und Diskriminierung oder Kooperation und Spiel ein. Die erste Kennenlernübung – ein Balanceakt, bei dem sich die Schülerinnen und Schüler auf Stühlen stehend entsprechend ihrem Vornamen anordnen müssen – verrät trotz ihrer Einfachheit eine zentrale Arbeitsweise im Kinderdorf. «Bei uns geht es immer auch ums Machen», erklärt Julian Friedrich den Gästen aus Volketswil und ergänzt: «Was ihr dazulernen wollt, entscheidet ihr selber. Ihr müsst für euer Verhalten selber Verantwortung übernehmen.» Nach weiteren Aufwärmspielen geht es ernster zur Sache. Auf farbigen Zetteln notieren sich die Schülerinnen und Schüler, was sie sich von der Woche erhoffen, was gar nicht passieren soll oder was sie sich von der Klasse für die nächsten drei Jahre wünschen. Sonja Fröhlich verrät in der Nachmittagspause ebenfalls, was sie sich von der Projektwoche verspricht: «Dass der Austausch die Klassenbildung und den gegenseitigen Respekt fördert.» Die Lehrerin zeigt sich begeistert von den Möglichkeiten, welche die Dorfinfrastruktur bietet. «Es ist mega cool, mit einer neuen Klasse in einem Haus zu wohnen und gemeinsam zu essen. Man ist für sich, und trotzdem sind die anderen Jahrgangsklassen, die die kommenden drei Jahre so wichtig sind, überall hier.» Als Lehrperson erhofft sie sich zudem, mit neuen Ideen ins Klassenzimmer zurückzukehren.

«Es ist mega cool, mit einer neuen Klasse gemeinsam in einem Haus zu wohnen. Man ist für sich, und trotzdem sind die anderen Jahrgangsklassen, die die kommenden drei Jahre so wichtig sind, überall hier.»

Sonja Fröhlich – Lehrerin
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Für eine gute Zeit an der Oberstufe ist es zentral, sich auf seine Mitschülerinnen und Mitschüler verlassen zu können – Kursteilnehmende während der Vertrauensübung par excellence.

Mit Vertrauen zum Miteinander Tag zwei:

Die Klasse aus Volketswil sitzt im Kreis. In der Mitte des Raumes steht eine farbige Kartonkiste, die von grossformatigen Fotos des Vortages umringt ist. Die Stimmung ist gelassen. Einige plaudern, andere kichern. Rasch haben sich die Jugendlichen an die spielerische Herangehensweise in den Workshops gewöhnt. Oder um es mit den Worten von Jamie auszudrücken: «Normale Schule bedeutet hinsetzen, zuhören, lernen. Hier kann man Spass haben und mitfühlen. Durch die Spiele versteht man es besser.» Kurz nach Kursbeginn lüftet sich auch das Geheimnis der bunten Kartonkiste. Nacheinander öffnen die Schülerinnen und Schüler die Kiste und beschreiben den Inhalt, wie von Julian Friedrich angewiesen, mit Adjektiven. Es fallen Begriffe wie seltsam, ok, überraschend, gruselig oder komisch. Die Unsicherheit, die sich wie ein Lauffeuer im Zimmer verbreitet hat, kommt nicht von ungefähr: In der Kartonkiste liegt ein Spiegel – die Jugendlichen mussten sich selber beschreiben. «Häufig hat man ein eher negatives Bild von sich selber», erklärt der Pädagoge in der anschliessenden Besprechung. Da Identität viel mit Selbstbewusstsein zu tun habe, sei es wichtig, zu sich selber zu stehen. Am Nachmittag folgt die Vertrauensübung par excellence. Doch sich mit verbundenen Augen fallen zu lassen, ist nicht so einfach, wie es scheint, vor allem, wenn die Übung klassenübergreifend stattfindet. Innerhalb der Gruppen wird viel gelacht, und doch kommt es vereinzelt vor, dass Jugendliche etwas unsanft auf dem Boden landen. Julian Friedrich zieht Parallelen zum Schulalltag: «Nehmt die Übung ernst und traut euch zu sagen, was ihr von den anderen braucht.»

«Ich habe erfahren, dass es im Leben wichtig ist, dass man auch Nein sagen kann. Und dass man seine Meinung haben kann, ohne sich dafür zu schämen.»

Shenaya – Schülerin
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Um sich gegenseitig den Rücken zu stärken, schreiben sich die Mädchen und Jungen gegenseitig positive Eigenschaften auf.

Mit Erfahrungen zur Erkenntnis

Der dritte Workshoptag steht ganz im Zeichen des Mobbings. In den verschiedenen Übungen können die Schülerinnen und Schüler eigene Erfahrungen sammeln. Wie fühlt es sich an, von anderen ausgegrenzt und schikaniert zu werden? Und warum ist man selber zum Täter geworden? Die Diskussion innerhalb der Klasse führt zu einer wichtigen Erkenntnis: Viel zu häufig lacht man mit, anstatt Nein zu sagen. Dies führt dazu, dass Täterinnen oder Täter das Gefühl haben, alles sei lediglich ein Spiel. «Sagt, was ihr fühlt, was euch weh tut», ermutigt Julian Friedrich die Jugendlichen. «Habt keine Angst davor, Spielverderber zu sein.» Sonja Fröhlich hat den Workshops ihrer Klasse oft nur als stille Beobachterin beigewohnt. Dies sei für sie äusserst spannend gewesen. «Diese Aussensicht verlieh mir persönlich eine neue und andere Perspektive auf meine Klasse.» Zudem habe es sie sehr gefreut, wie motiviert die Klasse mitmachte und wie ernsthaft sie sich mit den Themen auseinandersetzte. Das Fazit der Jugendlichen fällt ebenfalls positiv aus. «Ich finde, dass ich viel darüber gelernt habe, wie man sich fühlt und wie man sich mitteilen kann», erzählt die 13-jährige Kyoko. Ihre Kollegin Shenaya nimmt zwei wichtige Erkenntnisse aus den Workshops mit: «Dass es im Leben wichtig ist, dass man auch Nein sagen kann. Und dass man seine Meinung haben kann, ohne sich dafür zu schämen.» Die 13-Jährige glaubt auch, dass sich die Schulklasse in der Zeit im Kinderdorf besser kennengelernt hat und sich dadurch nähergekommen ist. Jamie gibt zu, dass er der Projektwoche anfangs eher kritisch gegenüberstand. Die Workshops mit Pädagoge Julian Friedrich hätten jedoch rasch sein Interesse geweckt. «Er hat das ziemlich gut gemacht», findet er. Und noch wichtiger für den Jugendlichen: «Man kann ihm vertrauen.»

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