«Herr Doktor, was Sie hier sagen, ist alles falsch»

10.06.2020 - 16:31 | Christian Possa

Anton Cadotsch unterstützt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi seit einem persönlichen Besuch in Trogen vor rund 20 Jahren. Im Interview erzählt er, wo er Gemeinsamkeiten zwischen seiner eigenen Arbeit und derjenigen des Kinderdorfes erkennt.

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Unterstützt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi seit rund 20 Jahren: der 96-jährige Anton Cadotsch.

Der heute 96-Jährige hat sein Leben in den Dienst der Kirche gestellt. Auf das katholische Kollegium in Stans folgen Studienjahre der Philosophie und Philologie in Genf, das Priesterseminar in Luzern, ein Theologiestudium in Rom sowie ein Doktorat am Institut Catholique in Paris. Ob als Seelsorger, als Religionslehrer, als Sekretär der Bischofskonferenz oder als Generalvikar – Anton Cadotsch hat immer darauf hingearbeitet, miteinander Wege zu suchen, gemeinsam Probleme anzugehen und darauf zu hören, wie die anderen denken.

Herr Cadotsch, an welche Begegnungen in Ihrem Berufsleben erinnern Sie sich gerne zurück?

Als junger Religionslehrer – es war eine meiner ersten Klassen – hatte ich die Aufgabe, schön nach Programm über die Probleme der Familie und der Liebe zu reden. Also habe ich zwei bis drei Stunden theoretisiert, wie man das damals machte, bis sich ein Schüler meldete und sagte: «Herr Doktor, was Sie hier sagen, ist alles falsch.» Ich habe zuerst einige Male leer geschluckt und dann zu diskutieren begonnen. Das wurde eine meiner interessantesten Klassen. Zu manchen dieser Schülerinnen und Schüler pflege ich bis heute Kontakt.

Warum ist Ihnen das Miteinander so wichtig?

Ich habe in meiner Arbeit festgestellt, dass man viel eher zu einer sachlichen, ruhigen und persönlichen Entscheidung kommt, wenn man Auseinandersetzungen und Fragen gemeinsam mit den Schülern und den Lehrern angeht, als wenn man mit einer Doktrin vor die jungen Leute hinsteht.

Warum unterstützen Sie die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi?

Es sind die Kontaktmöglichkeiten, der Versuch, Gemeinschaften wachsen und entstehen zu lassen, um in die Zukunft zu wirken. Ich denke, dass hier auch etwas drin ist, was dem ähnlich ist, wie ich die Ökumene verstehe, in der man sich im gemeinsamen Tun, im gemeinsamen Leben, im gemeinsamen Gebet viel besser näherkommt und gegenseitig versteht, als wenn man nur übereinander redet.

Wie sind Sie auf das Kinderdorf aufmerksam geworden?

Den Namen kannte ich schon lange, aber ich konnte mir nicht genau vorstellen, wie die Stiftung arbeitet. Richtig geprägt hat mich ein Besuch in Trogen, den wir mit der Freitagsgesellschaft von Solothurn gemacht haben. Das muss jetzt gut 15, 20 Jahre her sein. Mich hat das sehr angesprochen und durch den direkten Kontakt ist ein ganz anderer Zugang entstanden. Ich habe vorher immer wieder Bettelbriefe von verschiedenen Organisationen erhalten, mich aufgrund dieser persönlichen Kenntnis dann aber dazu entschieden, meine Hilfe im Besonderen auch auf die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi zu konzentrieren.

Worauf haben Sie mit Ihrer eigenen Arbeit hingearbeitet?

Als ich vor 70 Jahren Priester wurde, ging ich mit der bewussten Absicht in die Arbeit, die Welt besser zu machen. Ich hoffe, dass ich diese Absicht immer bewahrt habe. Wenn ich heute junge Leute höre, habe ich hier und da den Eindruck, dass der Wunsch wieder sehr viel stärker geworden ist, sich vorwiegend am Alten zu orientieren und festzuhalten – im politischen wie auch im kirchlichen Bereich. Das muss man sehen, im Dialog gemeinsam anschauen und einander zu überzeugen versuchen, dass man einen Schritt voranmachen muss.

«Ich glaube daran, dass in der persönlichen Begegnung von Menschen ein Zeugnis weitergeht, welches effektiver ist, als wenn man von oben herab bestimmte Wahrheiten predigt.»

Anton Cadotsch – Spender

Wo sehen Sie Parallelen zur Arbeit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi?

Ich glaube daran, dass in der persönlichen Begegnung von Menschen ein Zeugnis weitergeht, welches effektiver ist, als wenn man von oben herab bestimmte Wahrheiten predigt. Auf die Frage, was die Kirche dazu sagen würde, habe ich in der Schule zu antworten gepflegt: «Ich werde es euch schon sagen, aber zuerst wollen wir untereinander überlegen, was wir als Christen dazu sagen, ihr als Junge und ich als Religionslehrer.» Wenn man von Beginn weg damit kommt, was die Kirche als Lehre verkündet, entsteht eine Abwehrhaltung, die sehr oft genau zum Gegenteil führt. Und ich denke, dass das auch der Weg ist, den das Kinderdorf mit den Austauschprogrammen beschreitet. Junge Leute verschiedener Kulturen und Nationen erleben eine Zeit lang eine Gemeinschaft. Daran werden sie sich später zurückerinnern und in der Realität ihres Erwachsenenlebens ebensolche Gemeinschaften zu leben versuchen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Kinderdorfes?

Ich habe den Eindruck, dass die Stiftung auf einem sehr guten Weg ist. Einem Weg, welcher zukunftsträchtig und erfolgversprechend ist – jedoch nicht so, dass man dies kurzfristig wird feststellen können. Es wird ein langwieriger Prozess sein.

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