Libanon – Trogen einfach

Er flieht vor dem Krieg, kehrt seiner Heimat den Rücken und landet über Umwege in Trogen. Was Yossef Saliba zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: Er wird der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi als Arbeitnehmer lange erhalten bleiben. An ihrem 75. Geburtstag ist er schon über 25 Jahre dabei.

libanon-trogen-einfach1_stiftung-kinderdorf-pestalozzi

«Es gibt keine Perspektive. Man denkt jeden Tag nur ans Überleben und ans Lebensmittelbesorgen.» Yossef ist 11, als im Ostlibanon der Krieg ausbricht; mit 25 kehrt er seiner Heimat den Rücken. «Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich wollte nur zwei bis drei Monate weg, mich erholen und dann wieder zurückkehren.» Aus der geplanten Auszeit vom Krieg werden Jahre. Über seine damalige Frau findet Yossef Saliba den Weg in die Schweiz und ins Kinderdorf. Es sind die Parallelen zu seiner eigenen Vergangenheit, die ihn von der Wichtigkeit der Arbeit des Kinderdorfes überzeugen: «Wenn man Krieg erlebt und alles schwarzsieht, und dann kommt jemand, der dich an der Hand nimmt und dir hilft, dann ist das wunderbar.»

Kinder, Kohle und Kaugummis

Yossef Saliba beginnt 1995, fürs Kinderdorf zu arbeiten. Im Palästinenserhaus Alkuds wird eine Aushilfe gesucht, die Arabisch spricht und sich mit den kulinarischen und kulturellen Gepflogenheiten der Region auskennt. Der gelernte Metallmechaniker wagt den Schritt, auch wenn er beruflich aus einer ganz anderen Ecke kommt. Es sei für ihn sehr herausfordernd und interessant zugleich gewesen.

Nebenbei arbeitet Yossef 20 Prozent als Schulbusfahrer im Technischen Dienst. Jeden Morgen fährt er 13 Kinder in die umliegenden Gemeinden, abends holt er sie wieder ab. Er mag ihre Unbekümmertheit und ihr Lachen und lässt sich weder davon aus der Ruhe bringen, dass Kaugummis unter den Sitzen kleben, noch davon, dass Türen während der Fahrt aufspringen, weil jemand mit der Verriegelung gespielt hat. «Ja, ich arbeite wirklich sehr gerne mit Kindern zusammen», resümiert er.

libanon-trogen-einfach_stiftung-kinderdorf-pestalozzi
Von Arbeitskolleg*innen wird er als aufgestellt und hilfsbereit beschrieben: Yossef Saliba, hier während eines Einsatzes an der Verpflegungstheke am Sommerfest.

Als im Technischen Dienst ein Mitarbeiter ausfällt, wechselt Yossef Saliba in die Werkstatt – zurück zu seinen beruflichen Wurzeln sozusagen. Fortan arbeitet er neben dem Schulbusfahren als Mechaniker, schweisst, flickt, repariert und pflegt Häuser sowie Umschwung im Kinderdorf. In seinen Anfängen, als einzelne Kinderdorfhäuser noch mit Kohle beheizt wurden, musste er auch dort mit anpacken. Eine dreckige Arbeit, die er jeweils sauber begann und von Kopf bis Fuss schwarz vollendete. «Jeden Tag musste ich duschen, manchmal sogar zweimal am Tag.

Keimen, wurzeln, wachsen

Deutlich besser taugt ihm der Umgang mit den Bäumen, Büschen und Blumen im Dorf, zumal dieser ihn an seine Heimat im Ostlibanon erinnert – den landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit Tieren und Gemüse. «Als ich noch klein war, hat meine Mutter vor unserem Garten jeweils Sonnenblumenkerne gesammelt und diese dann auf der Wiese wieder wachsen lassen.» Im Kinderdorf tut Yossef Saliba es ihr gleich. Er nimmt einen einzelnen Sonnenblumenkern, setzt ihn in einen Topf und das kleine Pflänzchen später vor der Küche in die Erde. Stolze zwei bis drei Meter wächst es in den Appenzeller Himmel. Yossef sammelt alle Kerne seiner ersten Pflanze. Im Folgejahr stehen 20 Sonnenblumen in Reih und Glied. Nochmals ein Jahr später sind es fast 200 Pflanzen. Mit den vielen Kernen, die übrigbleiben, befüllt er sein Vogelhaus vor der Werkstatt. Seine grösste Sonnenblume wird 5,4 Meter lang. Amtlich vermessen gemeinsam mit dem Zivildienstleistenden.

In seinen 25 Jahren hat Yossef Saliba viele Menschen kommen und gehen sehen. Die kulturelle Vielfalt im Kinderdorf habe ihm von Anfang an zugesagt. «Ich bin sehr offen und habe gerne Kontakt mit Menschen anderer Kulturen.» Er habe sehr rasch gemerkt, dass er hier am richtigen Ort sei und hier bleiben wolle.

Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebte er 15 Jahre lang im Lehrerhaus direkt im Kinderdorf. «Das hatte seine Vor- und Nachteile.» Es sei schwieriger, von der Arbeit abzuschalten. In seinem Pflichtbewusstsein springen ihm auf seinen abendlichen Spaziergängen immer mal wieder Lichter ins Auge, die noch gelöscht, oder Türen, die noch geschlossen werden wollen.

«Meine Kinder haben es genossen, in diesem Umfeld aufzuwachsen.» Fand im Dorf ein Fest statt, sei es nicht selten vorgekommen, dass sie im Getümmel verschwanden. «Wir mussten dann das ganze Kinderdorf durchsuchen und haben sie dann im Jugendtreff, in der Disco oder in einem anderen Haus gefunden.

Licht, Leben, Lachen

Apropos Feste – und davon habe es im Kinderdorf reichlich gegeben: Für Yossef Saliba zählten die jährlich stattfindenden Lichterfeste zu den schönsten. Bei diesem interreligiösen Pendant zu Weihnachten habe in der Turnhalle jeweils ein riesiger Weihnachtsbaum gestanden. Dazu überall Kerzenständer und Lichter. Jedes Haus kochte traditionelle Spezialitäten, sang eigene Folklorelieder und führte Tänze vor. «Das war für mich jedes Mal wunderschön.»

Es sind diese Momente, in denen das Kinderdorf voller Kinder, Licht und Leben war, die Yossef Saliba nostalgisch stimmen, wenn er es heute sieht. Von der Corona-Pandemie praktisch leergefegt. Kein Kinderlachen, nichts. In solchen Momenten hegt er den stillen Wunsch, dass sein Dorf bald wieder lebendig werden soll – ein bisschen so wie früher halt.

Spenden

Placeholder disclamer

Ja, ich möchte für die dringendsten Projekte spenden.

Ja ich möchte für das Kinderdorf spenden.

Ja ich möchte für Ostafrika spenden.

Ja ich möchte für Südostasien spenden.

Ja ich möchte für Südosteuropa spenden.

Ja ich möchte für Zentralamerika spenden.

Ja ich möchte für Zentralamerika spenden.

Ja, ich möchte dem Freundeskreis beitreten.

Herzlichen Dank für Ihre Spende

Erzählen Sie Ihren Freunden vom Kinderdorf Pestalozzi.

Weitersagen