Kinder im Erlimattschulhaus erkunden Radio und Rechte

09.04.2020 - 10:54 | Milena Palm

Zwischen dem 20. und 30. November war das Radiomobil der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi mit seiner «Livezeit» auf Kinderrechtstour. Vorab verloste die Stiftung kostenlose Teilnahmen für dieses Projekt. Zu den zwölf Gewinnern zählt auch die Schule Erlimatt in Pratteln (BL).

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Heute senden die Kinder ihre selbst erarbeiteten Beiträge zu einem Kinderrecht aus dem Radio.

Einer der ersten Beiträge der Kinder aus dem Erlimattschulhaus ist ihr gemeinsames Schullied: «[...]Ob gross oder chli oder dick oder dünn. Ob schnäll oder langsam isch egal. Ob türkisch, englisch, serbisch, italienisch und dütsch – mier alli verstönd eus glich. Denn mier sind e Schuel, mier gsehnd uns jede Tag. Mier gönd mitenand durch dick und dünn.» Leidenschaftlich singen sie von ihrem Zusammenhalt und davon, dass jedes Kind Teil der Gemeinschaft sein darf. Egal, woher es kommt, wie es aussieht oder welche Sprache es spricht. Denn nicht diskriminiert zu werden, ist eines jeden Kindes Recht. Das wissen die Kinder am Erlimatt spätestens, seit sie sich für das Projekt vorbereitet haben.

«Auch wenn die Eltern mal Nein sagen, sollen Kinder sich trauen zu sprechen.»

Alisha – Schülerin

Auf los geht’s los

Gleich ist es so weit – Mara und Rebecca gehen auf Sendung. Die Beiträge, die sie live senden, haben sie in der Klasse erarbeitet. Die Klasse hat im Vorfeld ein Kinderrecht zugeteilt bekommen, dass die Kinder in den Beiträgen unterschiedlich aufgreifen. Gerüstet mit Textblättern und sichtlich nervös, warten sie im Bus auf ihren grossen Auftritt. Sie gehen die Texte und den Ablauf nochmals gemeinsam durch, beides sitzt. Ihre letzten Vorbereitungen bringen dennoch kaum Entspannung. Dann geht es los: «Hallo! Mein Name ist Rebecca, mein Name ist Mara, und wir sind im Radio Pestalozziii», eröffnen sie die Sendung. Als die Mädchen fertig sind, macht die Anspannung einem stolzen Lächeln im Gesicht Platz.

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Alisha findet es wichtig, dass die Kinder ihre Rechte kennen und sich für diese stark machen.

Die Kinder bilanzieren

Von der angespannten Stimmung im Bus ist draussen wenig zu spüren. Während den Pausen schwirren die anderen Kinder um das Radiomobil wie die Bienen um ihren Stock. Laufen Beiträge, hören sie aufgeregt zu, ein «psst» hier, ein «psst» da. Spielt zwischen den Beiträgen die Musik, wird mitgewippt und mitgesungen. Die gute Stimmung reisst auch die angespannten RadiomoderatorInnen spätestens dann mit, wenn sie grinsend aus dem Bus steigen. So geht es auch Alisha. «Wir waren im Radio – wow!», sagt sie strahlend. Ernster wird ihr Gesicht, als sie erzählt, wieso sie Kinderrechte wichtig findet: «Es gibt viele Kinder, die keine schöne Kindheit haben, weil sie zum Beispiel nicht in die Schule gehen können.» Darum sollten Kinder ihre Rechte kennen und sich für diese starkmachen. Etwa das Recht der Kinder, ihre Meinung zu sagen. «Auch wenn die Eltern mal Nein sagen, sollen Kinder sich trauen zu sprechen», findet die 10-Jährige. Die 12-jährige Alicia hat im Unterricht recherchiert, wie unterschiedlich Schulsysteme sind. In ihrem Bericht hat sie schliesslich das Schulwesen des Irans vertieft. Kinder seien bis zu ihrem elften Lebensjahr schulpflichtig. Danach entscheiden die Eltern und nehmen vor allem Mädchen oft aus der Schule. «Ich finde das nicht gut. Jeder Mensch ist gleich und soll das Gleiche lernen.» Auch für Adem ist klar, dass Bildung wichtig ist und jedes Kind zur Schule gehen soll. Er hat herausgefunden, dass in Ghana zwei Drittel der Kinder nicht zur Schule gehen können. «Das finde ich überhaupt nicht gut», sagt der 11-Jährige. Ohne Bildung bekomme man schliesslich keinen Job. «In der Schweiz haben wir es auf jeden Fall besser.» Auch für Iso, Kevin und Rehad war das die Erkenntnis ihrer Radiorecherche: «Wir sollten es wertschätzen, in der Schweiz zu leben und zur Schule gehen zu können.»

«Die Klassen haben sich intensiv mit den komplizierten Kinderrechtsartikeln auseinandergesetzt und diese verinnerlicht.»

Samantha Kuster – Pädagogin Radioprojekte

Kinderrechte im Alltag

Bilanz zieht auch die Radiopädagogin Samantha Kuster: «Die Klassen haben sich intensiv mit den komplizierten Kinderrechtsartikeln auseinandergesetzt und sie auch verinnerlicht.» So hätten sich einige Kinder mit dem Recht auf Freizeit beschäftigt und dieses mit den Gefahren von Onlinegames in Zusammenhang gebracht. Eine Gruppe Mädchen hat sich den Themen Teenieschwangerschaften und Schwangerschaftsabbruch angenommen und dazu eine Schweizer Influencerin interviewt. Fokus war der Artikel 6 der UN-Kinderrechtskonvention, der die Vertragsstaaten verpflichtet, das angeborene Recht jedes Kindes auf Leben zu wahren. Lehrerin Antje Kern hat beobachtet, dass die Kinder vieles verstanden und in den Alltag übernommen haben. «Wenn die Kinder diskutieren, habe ich auch schon gehört ‹Hei, kannst du aufhören? Ich habe ein Recht auf meine Meinung und darf sie sagen›.» Die Lehrerin findet, dass die Kinder die neu erlernten Rechte bisher untereinander dem Sinn entsprechend umsetzen. Spannende Debatten seien auch während der intensiven Vorbereitungen entstanden, etwa über Demokratie. Antje Kern findet diese Auseinandersetzung sehr wertvoll, denn nun sind die Kinder für ihre Rechte besser sensibilisiert. Die Klasse hat im Projekt auch viel über die Möglichkeiten des Mediums Radio erfahren. Ein wichtiger Schritt war, herauszufinden, worüber die Kinder berichten möchten und wie sie die Beiträge gestalten. «Wir haben viel Zeit investiert. Auch weil es uns Lehrpersonen und den Kindern wichtig war, in die Radiowelt einzutauchen», erklärt Antje Kern. Die Lehrerin ist stolz: «Alle Kinder waren mutig genug, vor das Mikrofon zu treten.» Es sei bereits ein langer Weg, sich Gedanken zu machen und zu entscheiden, was man in die Welt tragen wolle, findet Antje Kern. «Das haben die Kinder verantwortungsvoll und toll gemeistert.»

Was ist eigentlich «ida on air»?

Im Radioprojekt «ida on air» gestalten Jugendliche ihre eigenen Radiosendungen zu Gender und interreligiösen Themen. Dabei setzen sie sich mit Rollenbildern auseinander und reflektieren eigene sowie andere Weltanschauungen und Religionen. Das Projekt findet in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung des Kantons St. Gallen statt und ist somit subventioniert. «ida on air» geht Fragen rund um Homophobie und Transphobie, Identität und Werte, Gleichberechtigung und Diskriminierung, Stereotypen und Vielfalt, Vorschriften und Rituale oder Religion und Weltanschauungen direkt an. Damit trifft das Projekt den Kern der Zeit. Nicht nur das eigenständige Denken der Jugendlichen wird gefördert, sondern auch ihre Sensibilität für gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche Lebensmodelle. Durch das Medium Radio übernehmen die Jugendlichen zudem Verantwortung für ihre Beiträge und erhalten eine Plattform, ihre Meinung zu äussern. Teilnehmen können Schulklassen, Gruppen der ausserschulischen Jugendarbeit, Jugendverbände, Jugendorganisationen oder Kulturvereine aus dem Kanton St. Gallen.

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