Mitgefühl kann man lernen

Thu, 02/18/2016 - 14:45 | Martina Schmid

Eine einzige positive Erfahrung mit einer fremden Person erhöht die Empathie zur ganzen Gruppe, der die Person angehört, wie eine Studie der Universität Zürich zeigt. Genau diesen Ansatz verfolgt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in ihren interkulturellen Austauschprojekten.

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© Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Eine Person rutscht auf dem eisigen Boden aus und fällt hin. Einige finden das lustig und bleiben lachend stehend, andere gehen teilnahmslos weiter, und jemand eilt besorgt zur Hilfe. Wieso reagieren Menschen auf den Schmerz anderer so unterschiedlich? Die Erklärung scheint einfach: Es gibt empathische und weniger empathische Menschen. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Allerdings kann Mitgefühl auch gelernt werden: In ihrer neuesten Untersuchung haben Grit Hein, Lehrbeauftragte der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, und ihr Forschungsteam das Mitgefühl gemessen, das Probanden gegenüber fremden Menschen empfanden. Die fremde Gruppe wurde so gewählt, dass die Probanden sie nachweislich nicht leiden konnten. Es überrascht deshalb nicht, dass die Teilnehmenden zu Beginn deutlich mehr Mitgefühl mit Personen der eigenen sozialen Gruppe zeigten. Sobald sie jedoch ein einziges positives Erlebnis mit einer Person der fremden Gruppe hatten, waren sie automatisch empathischer gegenüber allen Mitgliedern der betreffenden Gruppe.

Über Vorurteile hinwegsehen

Die Erkenntnis, dass Mitgefühl nicht konstant ist, sondern durch positiven Kontakt mit anderen Menschen erhöht werden kann, ist im Zusammenhang mit unseren interkulturellen Austauschprojekten besonders interessant. Während ihres Aufenthalts im Kinderdorf treffen Jugendliche aus Südost- und Osteuropa auf Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz. Oft haben die Teilnehmenden, wie auch die Personen in der Studie, bestimmte Vorurteile, oder sogar eine Abneigung gegenüber der fremden Gruppe. In den Workshops befassen sie sich mit Themen wie Diskriminierung, Ausgrenzung oder Zivilcourage und lernen sich gegenseitig kennen und schätzen. Dadurch realisieren sie, dass sie eigentlich gar nicht so verschieden sind und entwickeln mehr Verständnis füreinander. Schliesslich wird ihre Einstellung gegenüber Fremden positiver, und sie zeigen mehr Mitgefühl. Oder, um es mit dem Beispiel vom Anfang zu formulieren: Sie helfen der Person, die auf den Boden gefallen ist, wieder auf die Beine. Egal, ob sie einer anderen Kultur, Nationalität oder sozialen Gruppe angehört.

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