«Alles was ich kann, habe ich hier gelernt»

03.10.2019 - 14:37 | Christian Possa

Hajra glich einem ungeschliffenen Diamanten, als sie an die Projektschule von Children‘s Book Project (CBP), der lokalen Partnerorganisation der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, kam. Ein enormes Potenzial in sich schlummernd, bedurfte es nur der richtigen Unterstützung, um ihre ganze Kraft zu entfesseln.

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Will Lehrerin werden, um Kinder zu inspirieren: Hajra, 13 Jahre

Führt Hajra ihr blaues Lineal mit Daumen und Zeigefinger über das Zeichenpapier, erhebt sich ihr Handgelenk zu einer kleinen Brücke. Der spitze Bleistift hinterlässt gerade Linien auf dem weissen Papier. Ihr Gesicht verfolgt nahe am Blatt jede Bewegung. Zwischendurch lehnt sie sich im Stuhl zurück, um ihr Werk für den Hauch eines Augenblicks aus der Distanz zu begutachten. Dann arbeitet sie konzentriert weiter. Es entstehen kurze und lange Striche, die in ihrer Summe als Objekte aus dem Alltag einer jungen Tansanierin zum Leben erwachen.

Zum Lernen berufen

Die 13-Jährige wächst mit ihren Eltern und vier Geschwistern unweit der Mbala Primarschule in Chalinze auf. Der kleine Ort liegt an der Hauptverkehrsachse, die von Daressalam westwärts zur Hauptstadt Dodoma führt. Seit fünf Jahren ist die Primarschule Teil des Projektes «Hochwertige Schulbücher für Kinder in ihrer Muttersprache Swahili». Hajra besucht die siebte Klasse und hat ihre gesamte schulische Laufbahn hier absolviert. «Alles was ich heute kann, habe ich hier gelernt», erklärt sie stolz. Ihre guten Leistungen sind aber auch auf ihr Naturell zurückzuführen. Hajra ist sehr wissbegierig und in den Pausen oft in der Bibliothek anzutreffen. Schon als kleines Kind habe sie sich von denjenigen, die zur Schule gingen, inspiriert gefühlt. Sie habe gespürt, dass sie zur Schule gehen muss. «Ich wollte aber nicht aus Routine hingehen, sondern zu den Besten gehören.»

«Ich wollte nicht aus Routine zur Schule gehen, sondern zu den Besten gehören.»

Hajra – Schülerin
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Pendo Nyambo, Englischlehrerin: «Wenn ich sehe, wie sich Hajra entwickelt, bin ich so glücklich und fühle mich gut.»

Ihrer Englischlehrerin Pendo Nyambo ist ihr Wissensdurst nicht entgangen. Darum beschloss sie, das aus sehr armen Verhältnissen stammende Mädchen an die Hand zu nehmen. «Ich ging oft mit ihr in die Bibliothek», erinnert sie sich. Das ist nun gut drei Jahre her. In dieser Zeit habe sich bei Hajra viel getan. «Sie hat ihr Selbstwertgefühl gesteigert, verfügt über ein gutes Zeitmanagement und ist sehr bewusst», schwärmt die Vertrauenslehrerin.

Veränderungen miterlebt

Pendo Nyambo hat Hajra auch an den Kinderrechtsclub an der Projektschule herangeführt. Dass das Mädchen diesen in der Zwischenzeit anführt, hat sie den Stimmen ihrer Mitschülerinnen und Mitschülern zu verdanken – und im Endeffekt ihrer aufrichtigen Beziehung zu denselben. Hajra beginnt sich früh mit Gleichberechtigung zu beschäftigen. In Texten schreibt sie nieder, was sie innerhalb ihrer Gemeinschaft beobachtet. Beispielsweise, dass viele Mädchen nicht zur Schule gehen können und zuhause arbeiten müssen. Zudem würden viele auch sehr früh verheiratet.

Das von der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi finanzierte Projekt hat mit den Schulbüchern in lokaler Sprache mehrere Zehntausend Kinder ans Lesen und Schreiben herangeführt. Gleichzeitig haben sich in Workshops weit über tausend Lehrerinnen und Lehrer vertieft mit partizipativen und kindzentrierten Lehrmethoden sowie mit Kinderrechten und dem Kinderschutz auseinandergesetzt. Hajra beobachtet, dass sich die Situation an ihrer Primarschule in Chalinze verbessert hat und das Bewusstsein gewachsen ist. Nicht zuletzt dank verschiedener Organisationsformen, dank welcher sich Kinder austauschen und engagieren können. «Mit dem Kinderrechtsclub haben wir die Möglichkeit, Eltern auf die Wichtigkeit von Bildung aufmerksam zu machen.»

«Mit dem Kinderrechtsclub haben wir die Möglichkeit, Eltern auf die Wichtigkeit von Bildung aufmerksam zu machen.»

Hajra – Schülerin
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Gesundes Wohnumfeld aus der Perspektive einer 13-Jährigen: Zeichnung von Hajra

Inspiration im Schulalltag

Die grösste Veränderung bei sich selber ortet die Siebtklässlerin bei ihrer Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben. Sie habe aber auch gelernt, Gleichaltrige zu unterrichten, mit ihnen zu kommunizieren oder etwas mit ihnen zu teilen. An einem Lesewettbewerb zwischen mehreren Projektschulen fuhr Hajra gleich in drei Kategorien Siege ein. Dies habe sich sehr gut angefühlt, sei aber primär ein Stolz für die Schule. «Wenn ich gewinne, dann gewinne ich für die Schule.» Hajra schätzt das Lernumfeld an der Mbala Primarschule und sie mag ihre Lehrerinnen und Lehrer. «Sie sind gut und kümmern sich um die Klasse.» Für die 13-Jährige ist klar, dass sie selber einmal Lehrerin werden will. Warum? Weil sie die Lehrkräfte hier inspirierten und sie sicherstellten, dass Kinder verstehen und lernen. «Das möchte ich auch machen.»

Ihre Zeichnung – zwei rot-gelbe Häuser mit blauem Dach – umrahmt Hajra mit kräftigen Linien. Zwischen Rahmen und Rand schreibt sie in Grossbuchstaben ihren Namen, denjenigen der Schule sowie den Titel «Haus mit einer guten Umwelt». Dem Bild, mit dem Hajra am Schulwettbewerb die Jury überzeugte, verlieh sie einen Titel, der die Intensionen des Projektes nicht schöner hätte zusammenfassen können: «Shule Inayomjali Mtoto – Schule, die sich um das Kind kümmert».

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