Echte Veränderung ohne Theater

17.01.2020 - 16:17 | Christian Possa

Dialog statt Separation, gegenseitiges Verständnis statt Vorurteile. Was neun Jahre interkultureller Dialog in Moldawien bewegt haben und wie es nach dem Projekt weitergeht.

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Jugendliche inszenieren am interkulturellen Theater das Thema Diskriminierung aus ihrer Perspektive.

«Wenn ich sehe, dass unsere Kinder und Jugendlichen glücklich, aktiv und enthusiastisch sind, dann glaube ich, dass dieses Land eine Zukunft hat.» Die Frau, die so inbrünstig erzählt, dass man sich als Zuhörer ihrer Begeisterung nicht entziehen kann, heisst Ana Climisina. Sie ist lokale Projektkoordinatorin und heute in Moldawiens Hauptstadt Chisinau, um die Jugendlichen ihrer Projektschulen beim interkulturellen Theater zu unterstützen.

«Wenn ich sehe, dass unsere Kinder und Jugendlichen glücklich, aktiv und enthusiastisch sind, dann glaube ich, dass dieses Land eine Zukunft hat.»

Ana Climisina – lokale Projektkoordinatorin

Jugendsicht auf Gesellschaftsprobleme

Der grosse Raum im Gemeindezentrum an der Strada Bulgara gleicht einem Theater: Gestufte Sitzreihen, beigebraune Stoffbezüge, Bühne mit Rednerpult. Stolz prangt die Landesfahne auf weissem Hintergrund. Stolz sind auch die Jugendlichen, die aus allen Teilen des Landes angereist sind, um die ethnische Vielfalt ihrer Heimat zu zelebrieren. In kurzen Theaterstücken thematisieren sie Probleme, denen sie in ihrem Alltag begegnen. Oft seien es Situationen aus der Schule, sagt Ana Climisina.

«Es geht den Jugendlichen aber auch darum, zu zeigen, wie die Gesellschaft Moldawiens funktioniert.» Ian Godonoga hat die vergangenen drei Ausgaben des Events als freiwilliger Helfer der Organisation National Youth Council of Moldova (CNTM) begleitet. Für den 18-Jährigen fühlt es sich darum sehr familiär an, wenn die Jugendlichen Probleme diskutieren, mit denen er sich selber auch auseinandergesetzt hat. Zu sehen, dass Themen wie Diskriminierung mit verschiedenen Theaterinszenierungen angegangen werden können, sei emotional für ihn. «Es ist inspirierend, Menschen aus allen Teilen des Landes zu treffen, die erkennen, was falsch läuft und aufzeigen, wie es verändert werden kann.»

Partnerschaften für die Zukunft

Seit neun Jahren arbeitet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi mit CNTM zusammen, um Kindern und Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen ökonomischen und ethnischen Hintergründen interkulturelle Kompetenzen mit auf den Lebensweg zu geben. «Es ist aber nicht genug, nur mit den Jungen zu sprechen», betont Projektkoordinatorin Galina Petcu, «denn oft kommt Diskriminierung von den Familien oder von der Schule.»

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CNTM-Projektkoordinatorin Galina Petcu sieht interkulturelle Bildung als Schlüssel für die Zukunft Moldawiens.

Das Projekt hat in Workshops Lehrpersonen geschult – über 3500 Personen allein in den vergangenen drei Jahren. Parallel dazu entstanden im Laufe der Jahre Handbücher zu interkulturellen Themen mit Anwendungsbeispielen für den Schulalltag, Unterrichtspläne sowie Kurzfilme. Ein wichtiger Aspekt, um die interkulturelle Bildung nachhaltig in Moldawiens Bildungssystem zu verankern, ist die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium. Sie hat dazu geführt, dass interkulturelle Bildung Anfang 2019 ins Schulfach Bildung für die Gesellschaft aufgenommen worden ist.

Darüber hinaus hat Moldawien das Thema als nationale Priorität in die überarbeitete Strategie für den Jugendsektor 2020 integriert. «Dieses Projekt war für uns eine wichtige Plattform, um lokal sowie national Netzwerke mit Organisationen und Schlüsselpersonen aufzubauen », resümiert Galina Petcu. Wenn sich die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi Ende 2019 von dieser Zusammenarbeit zurückzieht, werden diese Partnerschaften die Errungenschaften des Projektes in die Zukunft tragen.

Ein neuer Blick aufs Leben

Die Stimmung im Gemeindezentrum ist ausgelassen. Die Jugendlichen zeigen kaum Nervosität, obwohl viele von ihnen das erste Mal vor einem grösseren Publikum auftreten. Man lacht, applaudiert und unterstützt sich gegenseitig. Bei Gesangseinlagen flimmern die Handys, die in den Zuschauerrängen hin- und hergeschwenkt werden. Das Smartphone hat das Feuerzeug abgelöst, die Symbolik ist dieselbe geblieben.

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Die lokale Koordinatorin Ana Climisina verfolgt gemeinsam mit der Länderverantwortlichen Natalia Balta die Aufführungen.

Wie CNTM-Volonteer Ian Godonoga haben mehrere Jugendliche im Rahmen des Projektes ein interkulturelles Austauschprogramm in Trogen miterlebt. Eine Erfahrung, die zu verändern vermag. «Die Zeit in Trogen inspirierte mich, da sie mir eine unterschiedliche Vision des Lebens zeigte», erzählt der heute 18-Jährige. Die Aktivitäten seien eine neue Art der Bildung und deshalb eine grossartige Erfahrung für ihn gewesen. Als er nach Hause zurückkehrte, hat er sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrochen, was die Leute über ihn denken oder sagen. Ceslava Cosalic hat am Austausch vor allem die nonformale Struktur begeistert. «Ich war total an das Schulsystem Moldawiens gewöhnt, wo es darum geht, der Lehrperson zuzuhören. In Trogen konnten wir spielen und gleichzeitig lernen.»

Wenn auch nur ein kleiner Teil der involvierten Kinder und Jugendlichen innerhalb des Projektes am Austausch in der Schweiz teilnehmen kann, so ist der Effekt doch meist einschneidend und anhaltend. Jugendliche kehren mit einer ungeheuren Motivation in ihre Heimat zurück. Mit einer Motivation, ihre Erfahrungen zu teilen, sich in der Gesellschaft zu engagieren und ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

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