«Am wichtigsten sind Zuneigung und Herzlichkeit»

29.08.2020 - 09:07 | Christian Possa

Moldawien ist bitterarm, das soziale Netz grossmaschig. In den Kinderheimen des Landes stranden viele tragische Einzelschicksale. Mit dem Projekt «Schuleingliederung von benachteiligten Kindern» gibt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi Gegensteuer. Zentrale Punkte sind die Inklusion im Schulalltag und die Begleitung über den Heimaufenthalt hinaus.

Stefan Vodă in der gleichnamigen Ortschaft ist eines von sieben Kinderheimen, in denen sich die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation Centre for Childhood, Adolescence and Family (CCAF) für die Schwächsten der Gesellschaft starkmacht. Knapp zwei Dutzend Kinder und Jugendliche wohnen hier. Offiziell bleiben sie zwischen sechs und zwölf Monaten, in Härtefällen aber auch länger. Viele, die im Kinderheim landen, gehören ethnischen oder sprachlichen Minderheiten an, stammen aus sehr zerrütteten Familien, haben Gewalt und Missbrauch erfahren.

«Ein wichtiger Teil des Projektes besteht auch darin, die Zeit nach einem Heimaufenthalt über ein Monitoring eng zu begleiten.»

Cristina Coroban – Projektleiterin
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Victor hat im Kinderheim eine Basis gefunden, auf der er sein Leben aufbauen kann.

Aussicht auf eine selbstbestimmte Zukunft

Victor ist 17 Jahre alt. Er wuchs als jüngster von fünf Brüdern in Talmaza, einem ländlichen Dorf 20 Kilometer nördlich von Stefan Vodă, auf. Seine Erinnerungen an die frühe Kindheit? Wasser holen am Brunnen, Holz sammeln, das Haus putzen. Mit sechs Jahren wird er zum ersten Mal in die Obhut des Kinderheimes übergeben. Die Situation hier sei viel besser gewesen, erinnert er sich. «Zu Hause gehörten Streitereien, Prügel und Kämpfe zur Tagesordnung.» Später kommt Victor in eine Pflegefamilie, wird dort aber nie glücklich. Cristina Coroban, Projektleiterin von CCAF, kennt die Herausforderung solcher Situationen. Es gebe Fälle, in denen die Familien der Aufgabe nicht gewachsen seien. «Die Arbeit mit traumatisierten Kindern ist hart – und es gibt viele Traumata.» Darum bestehe ein wichtiger Teil des Projektes auch darin, die Zeit nach einem Heimaufenthalt über ein Monitoring eng zu begleiten, um so Probleme rechtzeitig zu erkennen und sektorübergreifend Lösungen zu finden.

Victor war froh, wieder ins Kinderheim zurückkehren zu können. Hier habe er einen Platz zum Leben. «Und ich habe zu essen.» Die Frage, was er denn zu Hause gegessen habe, beantwortet er ausweichend. «Was auch immer, es war schwierig.» Im Kinderheim von Stefan Vodă führen ihn die Verantwortlichen dank der Schulungen im Projekt sachte ans Alphabet heran, lassen ihn Schritt für Schritt einzelne Buchstaben und Silben lernen. Bis zu seinem elften Lebensjahr konnte Victor nicht lesen, da er nie den Unterricht besuchte. In der Schule von Stefan Vodă fühlt sich der 17-Jährige gut unterstützt. «Meine Mitschülerinnen und Mitschüler helfen mir, wenn ich Mühe habe», erzählt er. Zudem stamme sein Lehrer auch aus Talmaza, was es für ihn einfacher mache. Dass Kinderheime und Schulen viel enger als bisher zusammenarbeiten und ihre Unterstützung koordiniert auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausrichten, ist ein wichtiger Gewinn der ersten Projektphase.

«Ich fühle mich in der Schule gut unterstützt. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler helfen mir, wenn ich Mühe habe. »

Victor – 17
Victors Familiensituation ist über die Jahre nicht einfacher geworden. Drei seiner Brüder sitzen im Gefängnis, seine Mutter starb vor Kurzem an Krebs. Sein Vater ist mal hier, mal dort. Sein älterer Bruder Jakob ist der Einzige, zu dem er regelmässig Kontakt hat. Er wohnt wieder in Talmaza, nimmt Victor manchmal zu sich oder kauft ihm Kleider. Das Schicksal hat Victor gelehrt, für sich selbst zu sorgen. Und das macht er auch. «Ich möchte Automechaniker werden und Autos reparieren», sagt er bestimmt. Es gebe eine Berufsschule, die er nach der neunten Klasse besuchen könne. «Sie haben ein eigenes Hostel, wo ich leben kann.» Dank eines Stipendiums kommt der Staat für die Kosten auf. Victor erhält monatlich 4000 Leu, was etwas mehr als 200 Franken entspricht.
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Im Stefan Vodă lernen Kinder und die betreuenden Pädagoginnen täglich gemeinsam.

Nach dem Aufenthalt ist vor dem Aufenthalt

Nicht alle Jugendlichen haben das Glück, auf staatliche Hilfe zählen zu können. Für viele ist es nach der Zeit im Kinderheim sehr schwierig, Anschluss zu finden. Darum konzentriert sich das Projekt für die kommenden drei Jahre speziell darauf, die akademischen, die lebens- und die karrierebezogenen Fähigkeiten der Jugendlichen während ihrer Platzierung zu fördern. «Und sie brauchen auch danach Unterstützung», sagt Cristina Coroban. «Sie brauchen eine Ansprechperson, die ihnen bei der Integration in der Schule oder in der Gemeinschaft helfen kann.» Damit die Massnahmen zur gesellschaftlichen und schulischen Integration nach dem Heimaufenthalt greifen können, braucht es eine gut funktionierende, sektorübergreifende Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure (Kinderheime, Schulen, das Zentrum für psychopädagogische Hilfe, Ministerien für Bildung, Kultur und Forschung, für Arbeit und Sozialschutz sowie lokale Behörden der öffentlichen Verwaltung). «Mit dem Projekt werden wir genau dieses Zusammenspiel explizit fördern und unterstützen», betont Argine Nahapetyan, Programmverantwortliche Südosteuropa bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.

Ludmila wird in absehbarer Zeit davon abhängig sein, dass das Monitoring und die Begleitung nach der Zeit im Kinderheim funktionieren. Sie ist 16 und wird demnächst die neunte Klasse abschliessen. Und damit naht der Augenblick, aus dem sicheren Hafen auszulaufen. Davor hat Ludmila grundsätzlich keine Angst. Ihr Dilemma ist, dass ihr behinderter Bruder Gheorghe ebenfalls im Heim wohnt und altersbedingt noch bleiben kann. Auch wenn sie eine minimale Waisenrente erhält, wird es der 16-Jährigen kaum möglich sein, für sich selbst und ihren Bruder zu sorgen.

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Die Geschwister Gheorghe und Ludmila in einem Mädchenschlafzimmer im Kinderheim Stefan Vodă.
Ludmila und Gheorghe wuchsen bei ihrer Grossmutter auf und waren dann längere Zeit getrennt. Ludmila hatte keine Ahnung, wo Gheorghe steckte und wie es ihm ging. Als sie ihn dann endlich nach Stefan Vodă brachten, sei er in sehr schlechter Verfassung gewesen. «Er konnte weder laufen noch sprechen, er konnte nichts tun», erinnert sie sich. Was er erlebt haben muss, will sie sich gar nicht vorstellen. Sie ist einfach nur unendlich glücklich, dass sie wieder zusammen sind. Im Kinderheim von Stefan Vodă haben sie viel in die Entwicklung von Gheorghe investiert. Cristina Coroban erinnert sich: «Als Gheorghe zu uns kam, konnte er weder schreiben noch sprechen. Jetzt besucht er dank der guten Zusammenarbeit zwischen Heim und Schule den Unterricht und hat liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, die ihm helfen. Für uns ist das ein gutes Resultat.»

«Ich bin sozialer und offener gegenüber neuen Menschen geworden.»

Ludmila – 16
Ludmila lebt seit vier Jahren im Stefan Vodă und ist damit ein Beispiel dafür, wie die Aufenthaltsdauer im Heim aufgrund der persönlichen Situation ausgedehnt werden kann. Auf die Frage, wie sie ihre eigene Entwicklung sehe, antwortet sie: «Ich bin sozialer und offener gegenüber neuen Menschen geworden.» Dafür brauche es viel Verständnis auf allen Seiten, erzählt Vadim Dimitreeo, Leiter des Kinderheimes. Die Kinder kommen aus sehr schwierigen Familien. Ihr Verhalten ist anders als das von anderen. Lehrpersonen müssen darum lernen, wie sie entsprechenden Konflikten begegnen können, und Mitschülerinnen und Mitschüler müssen realisieren, dass es Kinder mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen gibt. «Es geht um das gegenseitige Verständnis.» Liuba Chetrari, Lehrerin an einer Schule in Stefan Vodă, formuliert ihre eigene Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus den Heimen wie folgt: «Pädagogisches Wissen ist wirklich wichtig, aber noch wichtiger sind Zuneigung und Herzlichkeit.»

Ludmilas Blick auf Corona

«Ich glaube, dass uns dieses Virus von oben geschickt wurde und es eine Prüfung für die ganze Welt ist. Hoffen wir, dass eines Tages alles in Ordnung sein wird und wir keine weiteren Gefahren auf unserem Weg haben werden. In der Zeit der Quarantäne vermisse ich mein Leben, das ich früher hatte, auch wenn ich es für langweilig hielt – jetzt ist es noch schlimmer. Ich vermisse meine Schulfreunde, meine Spaziergänge im Park und meine Schule. Ich habe das Gefühl, dass ich sogar meinen Schulweg vergessen habe. Der Onlineunterricht reicht mir nicht aus, um alles zu verstehen. Die Lehrerinnen und Lehrer erklären die Schulmaterialien sehr gut und stellen uns sogar Fragen, aber mir fällt es schwer, sofort eine gut formulierte Antwort geben zu können. Ich verstehe das Material nicht mehr so gut wie früher, als ich den regulären Unterricht besuchte. In der Schule konnten die Lehrerinnen und Lehrer sehen, ob ich den Stoff verstehe oder nicht, und sie konnten noch einmal erklären. Leider sind die Onlinelektionen nicht das, was ich brauche. Hier im Kinderheim bin ich dankbar für das, was ich habe. Das Personal versucht, uns vor Panik und Sorgen zu schützen, und sie versuchen, jeden Tag optimistisch und gut gelaunt zu sein. Ich hoffe, dass sich bald alles wieder normalisieren wird und dass alles wieder zu dem Leben zurückkehrt, das wir vor der Pandemie hatten.»

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