«Es geht darum, Kinder nicht zu überfordern»

08.09.2020 - 13:17 | Christian Possa

Marina Despotovic ist Englischlehrerin an einer Projektschule der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi im serbischen Užice. Im Interview gewährt sie Einblicke in den Onlineunterricht in Zeiten des Coronavirus, der noch absolut nicht perfekt sei, aber dennoch überraschend gut funktioniere.

Wir überbrücken mit Viber die räumliche Distanz unserer Wohnzimmer in der Schweiz und in Serbien. Der Chat-Dienst, der auch IP-Telefonie ermöglicht, ist für Marina Despotovic neben Google Classroom und Skype zum zentralen Kommunikationstool geworden – im Austausch mit ihren Klassen, den Eltern oder den anderen Lehrerinnen und Lehrern.
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Marina Despotovic, Englischlehrerin an der Projektschule in Užice.

Marina Despotovic, wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?

Zu Beginn hatten wir alle Angst und waren panisch, ob und wie es funktionieren würde. Was den Onlineunterricht angeht, bin ich aber sehr überrascht. Es funktioniert ganz gut, obwohl es etwas Neues für uns alle ist.

Wie gingen Sie vor?

Am 15. März rief die Regierung den Notstand aus. Am 16. März besprachen wir uns in der Schule. Wir brauchten ein bis zwei Tage, um Google Classroom einzurichten, das Tool, auf das wir mittlerweile am häufigsten zurückgreifen. Wir nutzen aber auch Skype, E-Mail oder Viber-Gruppen. Manche Eltern gingen mit ihren Kindern in die Dörfer oder die Wochenendhäuser, da sie es dort für sicherer hielten. Dies stellte uns vor gewisse Herausforderungen.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Dort, wo die Internetverbindung schwach ist, senden wir das Unterrichtsmaterial per Post. Die Lehrpersonen mailen ihr Material an die Schule. Dort wird es gesammelt und dann an die Kinder verschickt. Ich kommuniziere täglich mit meinen Kindern, da ich hören will, wie es ihnen geht und wie alles funktioniert.

Und wo drückt der Schuh am meisten?

Das Schlechte an der ganzen Geschichte ist, dass sie nicht mit ihren Freunden zusammen sein können. Auf der anderen Seite fördert die gemeinsame Zeit den Zusammenhalt in der Familie. Ein Mädchen erzählte mir, dass es und seine kleine Schwester sich nun endlich verstünden und jetzt Freunde seien. Vorher hätten sie die ganze Zeit gestritten.

Täuscht der Eindruck, dass Serbien mit dem Onlineunterricht relativ gut klarkommt?

Schwer zu sagen, ich kann nur für unsere Schule sprechen. Vielleicht gab es eine gewisse Vorbereitung, da wir seit zwei Jahren mit elektronischen Arbeitsbüchern arbeiten. Dies hatte den grossen Vorteil, dass Daten wie E-Mails oder Adressen bereits im System hinterlegt waren. Wir brauchten diese «nur» noch auf deren Aktualität zu prüfen. Zu Beginn war die ganze Organisation extrem zeitaufwändig. Wir Lehrpersonen arbeiteten 17 bis 18 Stunden täglich. Und ich kann auch jetzt nicht sagen, dass es perfekt funktioniert. Aber was funktioniert schon perfekt?

Wie muss man sich den Unterricht zurzeit vorstellen?

Es gibt am Fernsehen täglich Lektionen für die verschiedenen Stufen. Wir stimmen unseren Unterricht darauf ab und halten uns dabei an die Empfehlung des Bildungsministeriums, den Kindern nicht zu viel abzuverlangen. Es geht darum, sie nicht zu überfordern und sie im Schulsystem zu behalten. Es braucht in dieser Situation mehr Vorstellungskraft, um den Unterricht vorzubereiten. Ich frage bewusst ganz viel nach – ob es zu viel war oder wie sie eine bestimmte Unterrichtssequenz mochten.

Wie kommen Ihre Lehrerkolleginnen und -kollegen zurecht?

Nicht alle aus unserem Team waren glücklich darüber, Computer im Unterricht nun so oft einsetzen zu müssen. Manche waren anfangs sogar verzweifelt. Wir kooperieren im Team sehr oft und tauschen uns aus. Das hilft. So gibt es für jede Klasse eine Viber-Gruppe. Hat ein Kind beispielsweise seine Hausaufgaben nicht gemacht, kann man dies im Chat thematisieren und dann mit dem Kind und seinen Eltern Kontakt aufnehmen und sehen, was passiert.

Geschieht dies oft?

Wir haben jeden Tag viele kleine Probleme zu lösen. Aber wir kommen zurecht, es ist einfach sehr zeitintensiv. Und es gibt aber auch viel Unterstützung von Eltern, die in dieser Ausnahmesituation intensiv mit ihren Kindern arbeiten. Ich kann nicht für ganz Serbien sprechen, aber an meiner Schule – bei den Klassen, die ich unterrichte, und bei den Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich austausche – funktioniert es ganz gut.

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