Lokaler Kontext als Schlüsselelement

10.06.2020 - 15:08 | Christian Possa

Nur ein Bruchteil der Kinder im guatemaltekischen Departement Chiquimula kann nach Abschluss der Primarschule ausreichend lesen, schreiben und rechnen. Wie das Projekt «Bessere Bildung für Kinder der Maya Chortí» diesem Umstand entgegenwirkt, zeigt ein Besuch vor Ort.

Die Escuela Unitaria Nr. 29 liegt ganz im Osten der Grossgemeinde Jocotán. Wie die meisten Dörfer dieser Gemeinde ist auch Caserío el Limar eingebettet zwischen grünen Hügeln, welche die Topografie dieser Gegend Guatemalas charakterisieren. 22 Naturstrassenkilometer reich an Kurven und Schlaglöchern trennen das Bildungszentrum vom Hauptort Jocotán.

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Daisi, eine von 22 Schülerinnen und Schülern der gemischten 4./5./6. Klasse, wohnt nur zehn Gehminuten vom Schulhaus entfernt. Und trotzdem kann ihr Schulweg zur Herausforderung für sie werden. Fällt viel Regen, schneidet ihr ein Fluss unweit der Schule den Weg ab. «Dann nimmt mich mein Vater jeweils an der Hand und hilft mir hinüber», erzählt die 13-Jährige mit leiser Stimme.

Daisi ist wie viele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler sehr schüchtern. Eine Eigenschaft, die zumindest teilweise dem vielerorts vorherrschenden Unterrichtsklima zuzuschreiben ist. An der Projektschule der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi findet Schuldirektor und Lehrer Otto Rene Nufio Gonzalez die ausgeprägte Schüchternheit vieler Schülerinnen und Schüler herausfordernd. «Ich möchte gerne noch mehr Techniken und Strategien lernen, um ihnen zu helfen, selbstbewusster zu sein und sich besser ausdrücken zu können», erzählt er.

Daisi geht gerne zur Schule. Insbesondere Kommunikation, Sprache und Literatur haben es ihr angetan. Die 13-Jährige träumt davon, einst selbst Lehrerin zu werden. Warum? «Weil ich den Job mag und meine Lehrer hier Vorbilder für mich sind.» Derzeit ist sie noch stark in den Familienalltag eingebunden. Kommt sie mittags von der Schule nach Hause, hilft sie ihrer Mutter in der Küche und kümmert sich um ihren kleineren Bruder. Insgesamt hat Daisi vier Geschwister, drei Brüder und eine Schwester.

Angepasste Lehrpläne auf Kurs

Die lokal angepassten Lehrpläne sind ein wichtiges Instrument, wenn es darum geht, den kulturellen Kontext der Maya Chortí in den Schulalltag einzubinden. Ein Beispiel: Lernen Kinder die Maya-Zahlen, indem sie mit Bohnen oder Maiskörnern rechnen, so ist das etwas, was sie kennen und verstehen. Die lokale Partnerorganisation Fe y Alegría hat entsprechend ein Handbuch erarbeitet, welches aufzeigt, wie die Lehrpläne an den lokalen Kontext angepasst werden können. «Das Dokument enthält 25 didaktische Sequenzen für die Fächer Kommunikation und Sprache, Mathematik und Staatskunde», erklärt Marie Dermont, Länderverantwortliche der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in Guatemala. Diese wiederum seien zu drei Blöcken für die 1./2., die 3./4. sowie die 5./6. Klasse zusammengefasst. Bis die angepassten Lehrpläne ihre volle Wirkung entfalten und den Schulalltag der Kinder und Lehrpersonen bereichern können, stehen im Projekt verschiedene Herausforderungen an: Das Bildungsministerium muss die angepassten Lehrpläne absegnen. Und die Curricula müssen in den Unterricht implementiert sowie auch in die Schulpläne integriert werden.

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Will noch mehr Techniken kennenlernen, um seinen Schülerinnen und Schülern zu helfen, selbstbewusster zu werden und sich ausdrücken zu können: Otto Rene Nufio Gonzalez liest mit seiner Klasse einen Text.

Systemwechsel im Bildungssystem

Bei der Umsetzung spielen die Weiterbildungen der Lehrerinnen und Lehrer eine zentrale Rolle. Das Team von Fe y Alegría steht in engem Austausch mit den Lehrpersonen der 24 Projektschulen. Einmal wöchentlich sind sie als unterstützende Coaches vor Ort. Heidi, als pädagogische Betreuerin für drei Schulen verantwortlich, erklärt: «Es ist wichtig, mit den Lehrpersonen in ihrer Realität zu leben, mit ihnen zusammen auf Pick-ups stehend über holprige Strassen zur Schule zu fahren. Je besser wir ihr Leben an den Schulen verstehen, desto gezielter können wir sie unterstützen.»

In den Weiterbildungen lernen die Lehrkräfte Methoden kennen, die ihnen dabei helfen, die Lehrpläne auf die Bedürfnisse der Kinder und ihrer Umwelt anzupassen und im Unterricht umzusetzen. Und sie setzen sich intensiv damit auseinander, wie sie die Schülerinnen und Schüler aktiv einbinden und ihre Lernerfahrungen bereichern können. In den Augen von Marie Dermont stellen die Trainings einen Paradigmenwechsel im guatemaltekischen Bildungssystem dar: weg vom traditionellen Frontalunterricht, hin zu einer stärkeren Einbindung der Kinder dank interaktiverem Unterricht. Die Ansätze der Partnerorganisation Fe y Alegría für den mehrstufigen Unterricht auf Primarstufe suchen in Guatemala ihresgleichen. «Ihre spezifischen Methoden für Mehrstufenschulen sind vermutlich einzigartig», schwärmt die Länderverantwortliche. Sie ist sich aber auch bewusst, dass es ein langer Prozess ist, die Form zu ändern, wie unterrichtet wird. Mittlerweile wenden bereits knapp 60 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer im Projekt die gelernten Strategien an.

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Mehr Nähe zu Eltern

Ein weiterer wichtiger Pfeiler im Projekt ist die Beziehungspflege zwischen der Schule und den Eltern. «Mit dem Projekt ist das allgemeine Bewusstsein gewachsen, wie wichtig es für die schulische Entwicklung der Kinder ist, deren Eltern einzubinden», sagt Otto Rene Nufio Gonzalez. Als Schuldirektor und verantwortlicher Lehrer einer gemischten Klasse aus Viert-, Fünft- und Sechstklässlern spricht er aus eigener Erfahrung.

Die meisten Familien in der Gemeinde Jocotán leben von der Landwirtschaft. So auch diejenige von Walter. Der 12-Jährige lebt mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern 15 Minuten von der Schule entfernt. Dort pflanzt sein Vater Mais, Bohnen sowie etwas Kaffee an. Der Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte stellt die Haupteinnahmequelle der Familie dar. Walter hilft regelmässig auf dem Maisfeld mit und jätet zwischen den Pflanzen. Lieber jedoch spielt er mit seinen Freunden Fussball oder geht zur Schule. «Ich mag es, hierherzukommen », erzählt er während der Unterrichtspause. «Mir gefallen die Aufgaben, an welchen wir hier arbeiten.» Von seiner Motivation zeugen die Kugelschreiber und Bleistifte, die griffbereit in seiner Brusttasche stecken.

Die meisten Kinder in Caserío el Limar müssen wie Walter tatkräftig zuhause mitanpacken. Dass Schülerinnen und Schüler die Schule ausfallen lassen, kommt regelmässig vor. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer nur darauf zurückzuführen, dass der Lebensunterhalt höher gewichtet wird als die schulische Bildung der Kinder. Die Lehrerinnen und Lehrer der Projektschule versuchen deshalb, näher an die Eltern heranzukommen und herauszufinden, warum beispielsweise gewisse Kinder nicht zur Schule kommen. Dann gehe es darum, Hilfestellungen anzubieten und das persönliche Gespräch zu suchen, erklärt Otto Rene Nufio Gonzalez. «Die Idee ist es, den Eltern Strategien mitzugeben, wie sie ihre Kinder motivieren können, in der Schule zu bleiben oder dorthin zurückzukommen.»

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