Migration hat viele Gesichter

03.04.2020 - 12:06 | Christian Possa

Jährlich kehren tausende Minderjährige angetrieben von der omnipräsenten Gewalt und der Perspektivenlosigkeit in ihrem Alltag Honduras den Rücken. Viele werden auf dem Weg in die USA von den Migrationsbehörden aufgegriffen und zurückgeschafft. Das Projekt «Ich komme zurück, lerne und bleibe!» bietet diesen Kindern und Jugendlichen psychologische Betreuung und unterstützt sie beim Wiedereinstieg in den Schulalltag.

Sie sind 14 und 16 Jahre alt, sie wohnen an sozialen Brennpunkten ausserhalb der Industriehauptstadt San Pedro Sula und sie alle sehnen sich nach einer Veränderung in ihrem Leben. Zwei Jugendliche erzählen davon, wie sie die gefährliche Reise über Guatemala und Mexiko Richtung USA erlebt haben, was sie dazu bewegt hat, ihre Heimat zu verlassen und was für Erfahrungen sie im Projekt der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi gemacht haben.

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Für Minderjährige und speziell für Mädchen birgt eine Migration grosse Gefahren.

Olivia*, 16

Olivia ist elf, als sich ihr Vater und ihr älterer Bruder vor fünf Jahren in die USA aufmachen. Sie haben es bis nach Miami geschafft. Ihre Bemühungen, offizielle Papiere zu bekommen, verliefen bisher im Leeren. Die heute 16-Jährige wohnt mit ihrer Mutter und ihren drei jüngeren Geschwistern zusammen. Erzählt sie von ihren Lieblingsfächern in der Schule oder von ihren Hobbies, täuscht ihr warmes Lächeln über ihre innere Zerrissenheit hinweg. Kommt sie auf ihren Vater und ihren Bruder zu sprechen, spiegelt sich Traurigkeit in ihrem Gesicht. «Ich vermisse sie sehr und will einfach wieder Zeit mit ihnen verbringen.» Darum entscheidet sie sich eines Tages dazu, ins Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten zu gelangen. Sie reist mit ihrer Grossmutter. Mit dem öffentlichen Bus passieren sie die Grenze ins benachbarte Guatemala. Von dort geht es weiter nach Mexiko. «Dann kamen plötzlich Leute, die uns mitgenommen und meine Mutter angerufen haben», erinnert sich die 16-Jährige.

Es ist eines der letzten Bilder, welches Olivia hat oder teilen will. Danach verschwimmen ihre Erinnerungen, das Zeitgefühl schwindet. Wieder zuhause überkommt sie ein tiefes Gefühl der Erleichterung, die gefährliche Reise überlebt zu haben. Gleichzeitig merkt sie, dass sie Hilfe benötigt, um wieder in den Schulalltag zu kommen. Durch ihre Abwesenheit hat sie ein Jahr verloren. Olivia ist froh, dass ihr das Projekt hilft, den Schulstoff aufholen zu können. «Ich fühle mich unterstützt. Von den Menschen im Projekt, aber auch von meiner Mutter, die stark in die Gespräche involviert ist und die Aktivitäten hier mitträgt.» Gelegentlich ertappt sich Olivia beim Gedanken, einen erneuten Anlauf zu wagen, zu ihrem Vater und ihrem Bruder zu gelangen. «Aber dann «Ich bin froh, dass mir das Projekt hilft, den Schulstoff aufholen zu können.» Olivia, 16 kommt die Angst hoch, nochmals zu gehen.»

«Ich bin froh, dass mir das Projekt hilft, den Schulstoff aufholen zu können.»

Olivia – 16 Jahre alt

Isabella*, 14

Isabella hat letztes Jahr schon zweimal erfolglos probiert, in die USA zu gelangen. Es ist die bedingungslose Liebe zu ihrer Mutter, die sie ihre innersten Ängste unterdrücken und das gefährliche Unterfangen in Angriff nehmen lässt. Vor drei Jahren hat sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen. Seither wohnt Isabella bei der Schwester ihres Vaters. Ihre Tante ist mit den Plänen, die 14-Jährige auf die weite Reise zu schicken, überhaupt nicht einverstanden. Aber es sei der Entscheid der Mutter gewesen und den müsse sie respektieren. Ihr Mann begleitet das Mädchen noch bis an die guatemaltekische Grenze. Dann ist sie sich selber überlassen. In Guatemala-City trifft sie die Schlepperin, die sie nach Miami bringen soll. Bei beiden Versuchen schafft es Isabella bis nach Mexiko.

Dort wird sie jedoch von der Migrationsbehörde aufgegriffen, in ein Auffanglager gesteckt und später in das Migrationszentrum im honduranischen Belén geflogen. «Als ich das zweite Mal gestoppt wurde, tat mir dies so weh, da wir sehr nahe an der Grenze zu den USA waren – ich wollte es nicht wahr haben.» Bei der Familie liegen Freude und Trauer nahe beisammen. «Ich war traurig, dass sie es nicht geschafft hat», sagt Tante Cristin. «Gleichzeitig war ich sehr dankbar, dass ihr nichts passiert ist. Als sie unterwegs war, musste ich die ganze Zeit an sie denken.» Seit einem Jahr ist Isabella im Projekt «Ich kehre zurück, lerne und bleibe!». Nochmals migrieren will sie auf keinen Fall. «Es macht mir viel zu viel Angst und es wird immer schwieriger.» Ihre Tante hat bereits beim zweiten Versuch gespürt, dass das Mädchen nicht mehr aus eigenem Antrieb gehen wollte, sondern nur der Mutter zuliebe handelte. «Sie hat nicht mehr aufgehört zu weinen und war sehr unglücklich.» Cristin hofft, dass ihre Nichte mit der Hilfe des Projektes die Schule abschliessen und vielleicht sogar studieren kann.

*Namen zum Schutz der Jugendlichen geändert

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