«Schliesslich lernen sie, wie sie sich in dieser Welt bewegen können»

23.03.2020 - 13:45 | Milena Palm

Ende 2018 startete die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in der Provinz Morazàn in El Salvador das Projekt «Eine Schule, tausend Geschichten». Die Projektverantwortliche Gloria Raskosky und Trainerin Miriam Luna erzählen davon.

Miriam Luna: Torola gilt als ärmste Gemeinde El Salvadors. In der Gegend fehlte eine Bibliothek. Dank des Projektes der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi gibt es jetzt ein Ressourcenzentrum. Eine Schule liegt in dessen Nähe, neun weitere sind weit weg. Dafür, dass die Kinder diese Angebot nutzen können, setzen sich die Lehrpersonen dieser Schulen stark ein. Montags vor der Arbeit gehen sie jeweils am Ressourcenzentrum vorbei, um Bücher und Lernspiele zu holen. Am Freitag bringen sie die Sachen zurück.

Im Projekt verbessert Ihr die Bildungsqualität an Morazàns Schulen. Wie macht Ihr das?

Gloria Raskosky: In El Salvador haben nur zwei von zehn öffentlichen Schulen eine Bibliothek. 75 Prozent der Kinder der sechsten Klasse lesen auf Drittklass- Niveau! Wir richten deshalb an den Schulen Bibliotheken ein und machen Bücher für die Kinder zugänglich. Sie können sie nach Hause nehmen und mit ihrer Familie anschauen. In einigen Familien können die Eltern weder lesen noch schreiben. Es sind also die Kinder, die den Eltern vorlesen. Das ist etwas wunderschönes, das aus eigener Kraft passiert, weil sie die Bücher nach Hause bringen, sie teilen und über sie sprechen.

Miriam Luna: Zudem wollen wir den konventionellen Unterricht verändern.

Gloria Raskosky: Genau. Normalerweise kommt die Lehrperson rein, geht an die Tafel und lässt die Kinder etwas abschreiben . Das fördert weder den Dialog, noch das kritische Denken. Die Interaktion fehlt. Und die Lehrpersonen drängen den Kindern Informationen auf, die sie vielleicht gar nicht interessieren.

«Wenn die Eltern gemeinsam mit den Kindern ein Buch öffnen oder in die Ressourcenzentren gehen, sieht man die Freude in ihren Gesichtern, denn sie lernen zusammen.»

Gloria Raskosky – Projektverantwortliche
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Gloria Raskosky leitet bei der Partnerorganisation Contextos das Projekt «Eine Schule, tausend Geschichten». Sie ist beeindruckt von der Motivation aller Beteiligten.

Wie wirkt Ihr den herkömmlichen Unterrichtsmethoden entgegen?

Gloria Raskosky: Wir arbeiten eng mit den Lehrpersonen zusammen, um Einfluss auf das Schulsystem zu nehmen. Gemeinsam fahren wir beispielsweise zu einer Schule, die neue Methoden zugänglich macht. So ergibt sich ein informeller und fruchtbarer Austausch. Der Weg zu den Kindern führt unserer Meinung nach über die Lehrpersonen. Wir haben dafür Lehrerausbildner wie Miriam Luna, die ihnen direkt in der Klasse neue, kreative Arten des Unterrichtens zeigen. Dieses Modelllehren passiert in Anwesenheit der Kinder und alle profitieren.

Woran arbeiten die Lehrpersonen mit den Kindern?

Miriam Luna: Sie arbeiten mit den Kindern an ihrem Leseverständnis, an ihrem schriftlichen Ausdruck und an ihrem logischen mathematischen Denken. Die Kinder verbessern ihre mathematischen Fähigkeiten zum Beispiel mithilfe eines Dartspiels, bei dem sie addieren und subtrahieren lernen. Gleichzeitig fördern die neuen Methoden auch das Denkvermögen der Lehrkräfte. Sie lernen, jede verfügbare Ressource zu nutzen, um Freude am Lernen zu wecken.

Wie löst Ihr das Problem des fehlenden Schulmaterials?

Miriam Luna: Wir haben in jeder Gemeinde ein Ressourcenzentrum eingerichtet. Das ist ein Raum, in dem es schöne, farbige Bücherecken gibt. Die Kinder können es sich auf Teppichen und Kissen bequem machen. Es gibt Spielund Lehrmaterial wie Origami-Papier, ein Schach- oder ein Molekülspiel.

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Dadurch, dass Kinder im Projekt in einem spielerischen Unterricht lesen und schreiben lernen, verändert sich ihre Sichtweise auf die Bildung.

Was bedeuten die Zentren für die Kinder?

Miriam Luna: Für die Kinder sind sie Zufluchtsorte. Sie werden dort betreut, Lehrpersonen oder Freiwillige lesen Bücher vor oder leiten Workshops. So können die Kinder ihren Alltag etwas vergessen, Spass haben oder verweilen. Die Freiwilligen sind Mütter und JugendleiterInnen. Letztere sind Schülerinnen und Schüler, die etwas mehr Interesse zeigen und später Bibliothekare werden können. Wie wichtig diese Zentren sind, zeigt Samirs Geschichte. Der Zweitklässler fiel durch seine rebellische Art auf. In einem Gespräch erfuhren die Lehrerausbildner, dass seine Eltern ermordet wurden. Im Unterricht erklärte der Junge, er wolle Polizist werden, damit er eine Waffe tragen und die Mörder seiner Eltern töten könne. Als unser Team zum ersten Mal an der Schule war, kannte Samir unser Ressourcenzentrum bereits und ging gerne hin. Er war jeweils dort, während seine Grossmutter Tortillas im Park verkaufte. Unsere Lehrerausbildnerin bat die verantwortliche Person des Zentrums, Samir besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihm Verantwortung zu geben. Heute kümmert er sich mit Pflichtbewusstsein um die Auswahl der Wochenbücher. Seine Aufgabe macht ihm Freude. Es macht ihn glücklich, dass er wichtig ist. Durch die Mithilfe im Zentrum hat er eine Aufgabe und eine neue Perspektive. Das hilft ihm, besser mit seinem Schmerz umzugehen.

Wie ist die Motivation im Projekt?

Gloria Raskosky: Die Beteiligten wollen alle Werkzeuge, die sie haben können, um sich weiterzuentwickeln. In Morazàn gibt es viel Gewalt, ein Zustand, der schon lange anhält. Irgendwann haben die Menschen genug, sie wollen das Kapitel abschliessen und ein besseres Leben beginnen.

«Durch die Mithilfe im Zentrum hat Samir eine Aufgabe und eine neue Perspektive»

Miriam Luna – Trainerin

Darum sind alle sehr motiviert. Die drei Gemeindepräsidenten gehören zum Beispiel unterschiedlichen politischen Parteien an und kommen dennoch wie selbstverständlich zusammen. Sie sehen, dass das Projekt die Situation aller verbessert. Auch die Eltern sind engagiert. Vor allem weil die Kinder interessiert nach Hause kommen und erzählen, was sie in der Schule gelernt haben.

Wie hat das Projekt den Alltag der Kinder verändert?

Miriam Luna: Den Kindern wird das Wissen jetzt spielerisch vermittelt. Besonders mathematische Inhalte werden dadurch leichter zugänglich. Sie haben Dialogsätze gelernt wie «Meine Meinung ist …», «Ich stimme (nicht) zu». Dadurch respektieren sie andere Meinungen besser und können die eigene eher ausdrücken.

Gloria Raskosky: Die Dynamik in den Klassen ist anders. Wir ermutigen die Kinder zum Dialog, zur Empathie, zum Zuhören, zur Teilnahme. Und wir lassen niemanden zurück. So werden sie achtsamer und denken über ihre Rolle in der Klasse nach. Und sie realisieren, dass sie Teil der Gruppe sind und dass das Klassenzimmer ein grosser Teil ihrer Welt ist. Schliesslich lernen sie, wie sie sich in dieser Welt bewegen können und wie sie die neuen Techniken, welche die Lehrkräfte ihnen zeigen, darin anwenden.

Miriam Luna: Ausserdem setzen sich die Lehrpersonen mehr damit auseinander, wie ihre Schüler am besten lernen, anstatt strikt den Lehrplan zu befolgen. Gesamthaft sind die Lehrkräfte verantwortungsbewusster und die Kinder kritischer.

Was ist das schönste am Projekt?

Miriam Luna: Wie die Kinder ihre Sichtweise auf die Bildung durch das Lesen, Schreiben und den spielerischen Unterricht überdenken. Sie haben gemerkt, dass sie Gelerntes in ihrem alltäglichen Leben anwenden können. Durch die Förderung des logischen Denkens werden bei den Kindern neue Emotionen wach. So wird klar, wie wichtig qualitativ hochwertige Bücher sind und dass das Lernen direkt vom Unterrichtsmaterial beeinflusst wird.

Gloria Raskosky: Wenn die Eltern gemeinsam mit den Kindern ein Buch öffnen oder in die Ressourcenzentren gehen, sieht man die Freude in ihren Gesichtern, denn sie lernen zusammen.

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