Erinnerungen aus der Kindheit

04.07.2018 - 11:00 | Christian Possa

Geheime Grilladen beim Kohleschaufeln, la Svizzera als italienisches Dorf, Geborgenheit im Haus Pinoccio – der ehemalige Bewohner Antonio kehrte vergangenen Sonntag ins Kinderdorf zurück. Retrospektive eines 78-Jährigen.

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Anfangs hatten wir mit den Polen ein wenig Probleme, da sie uns Makkaroni nannten, um uns zu ärgern. Natürlich sagten auch wir ihnen etwas, ich weiss es aber nicht mehr genau. Nach kurzer Zeit dachten wir uns: Was soll das? Wir sind jetzt hier. Und von da an war es friedlich, das muss man betonen.
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Ich war acht und meine kleine Schwester fünf, als wir hierherfuhren. Als wir abgeholt wurden und in Rom in den Zug stiegen, wussten wir nicht einmal genau, wo wir hinfuhren. Ursprünglich dachte ich immer, la Svizzera sei ein Dorf irgendwo in der Nähe.
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Zuerst waren wir rund 100 Kinder. Dann wurden es immer mehr, zum Schluss rund 220, verteilt auf zwölf Häuser. Wir Italiener lebten im Haus Pinocchio. 1956, als ich in St. Gallen meine Lehre als Radioelektriker begann, wohnte ich zusammen mit anderen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft im Haus Coccinella.
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Ich komme aus einer grossen Familie. Wir waren insgesamt acht Geschwister, der Älteste war 24, die Jüngste fünf. Vom Kinderdorf aus kommunizierte ich brieflich mit ihnen. Etwas anderes war nicht möglich. 1951 reisten meine kleine Schwester und ich das erste Mal nach Italien, um sie zu besuchen.
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Während der Lehre fuhr ich mit dem Fahrrad nach St. Gallen. Aber nicht mit 27 Gängen wie heute, sondern mit drei. Da bekam man richtig Muskeln. Wenn es regnete, habe ich mich jeweils ausgezogen und bin praktisch in den Unterhosen ins Kinderdorf gefahren, damit die Kleider trocken blieben und ich sie nachher wieder anziehen konnte.
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Vom Kinderdorf erhielt man eine Art Schutzbrief, welcher einem die Dorfzugehörigkeit zusicherte. Dies war aber eher symbolischer Natur. Es gab zwar Kinder, die Probleme hatten und mehrmals zurückkehrten. Aber für mich war immer klar: wenn ich einmal weg bin, dann ist es endgültig.
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Die Häuser wurden jeweils mit einem Kohleofen befeuert. Immer einer musste etwas früher aufstehen, damit es schön warm war. Das hat gut funktioniert, wir mussten nie frieren. Manchmal haben wir Kohle geschaufelt und gleichzeitig ein Stück Brot grilliert. Das wurde dann richtig schön schwarz.
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Mein Zimmer war im ersten Stock. Ich schlief auf dem Doppelbett beim Fenster. Damals schien mir der Raum viel grösser als jetzt. Eigentlich ist es ja doch recht klein. Mit meinen damaligen Zimmergenossen stehe ich teilweise noch in Kontakt. Wenn wir uns sehen, sinnieren wir über vergangene Zeiten.
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Im Atelier im Keller habe ich meine eigenen Skier gebaut. Meine Skischuhe waren aber viel zu gross, ich trug immer drei bis vier Paar Socken. Ich erinnere mich gut daran, wie es war, wenn man schnell fuhr und stürzte. Dann flog man jeweils direkt aus den Schuhen.
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Im Haus bestand ein strikter Ämterplan. So mussten wir wöchentlich wechselnd alle Teller abwaschen. Das war jeweils eine Übung! Ich dachte damals: Das Leben wäre so schön, wenn man nicht immer abwaschen müsste. Das waren Berge von Tellern und Geschirr. Dazu die grossen Töpfe aus der Küche.

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