Weit von zu Hause entfernt und doch nicht fremd

12.03.2018 - 10:36 | Michael Ulmann

Sie kommen als Fremde und gehen als Freunde. Im Kinderdorf Pestalozzi entstehen Jahr für Jahr viele Freundschaften. Herkunft, Aussehen oder Sprache der Teilnehmenden der interkulturellen Austauschprojekte spielen dabei keine Rolle. Wie ein solches Projekt abläuft, berichtet Michael Ulmann. Er hat Jugendliche aus Serbien und Polen begleitet.

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Es ist kalt an diesem Januartag. Auf dem ganzen Areal des Kinderdorfes haben sich Jugendliche verteilt. Man hört ihr lautes Lachen. Die insgesamt 80 Jugendlichen aus Polen und Serbien – die meisten haben sich zuvor noch nie gesehen – sind die ersten Teilnehmenden an den interkulturellen Austauschprojekten der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi im Jahr 2018. Kaum 24 Stunden nach ihrer Ankunft in Trogen machen sie eine erste gemeinsame Übung. In gemischten Gruppen gilt es, an Bäumen, Zäunen oder Hauswänden möglichst spektakuläre «Kügelibahnen» aus Papier zu bauen. Da in Polen und Serbien unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, auch wenn einzelne Wörter sehr ähnlich sind, verständigen sich die Jugendlichen in Englisch.

Ich, Du, Wir

Während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes im Kinderdorf machen die Jugendlichen noch viele weitere solche oder ähnliche Übungen. Und mögen sie noch so banal tönen, sie haben immer einen erlebnispädagogischen Hintergrund: die Förderung von Toleranz und Respekt gegenüber dem Unbekannten. Die pädagogischen Aktivitäten orientieren sich am sogenannten «ICH-DUWIR-Modell». ICH steht für die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. DU steht für die Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber, das Wissen über andere und die Auseinandersetzung mit Stereotypen, Vorurteilen, Vielfalt und kulturellen Unterschieden. Und WIR steht für die Kommunikation und das Zusammenarbeiten in der Gruppe, die gewaltfreie Lösung von Konflikten sowie das friedliche Zusammenleben. Bei den meisten Gruppenübungen geht es um Teamwork, Verantwortung und gewaltfreie oder interkulturelle Kommunikation. So wird nicht nur die Sprachkompetenz der Jugendlichen gefördert, sondern auch die Selbst-, Sozial- und Reflexionskompetenz.

Zum Nachdenken anregen

Eine der Teilnehmerinnen am interkulturellen Austauschprojekt ist die 13-jährige Wiktoria aus der südostpolnischen Stadt Rzeszów. Ihr bleibt vor allem die Übung «Walking in different shoes» in Erinnerung, wo die Teilnehmenden in verschiedene Rollen schlüpfen und sich das entsprechende Leben dieser Person vorstellen. «Ich war in meiner Rolle eine Tochter eines Bankdirektors mit super Schulnoten», sagt Wiktoria. «Dann gab es aber auch einen Flüchtling aus Afghanistan, einen Mann im Rollstuhl und einen jungen homosexuellen Mann. Bei dieser Übung habe ich mich das erste Mal so richtig mit Vorurteilen auseinandergesetzt und gemerkt, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden.» Kurz darauf hat sie ihre Meinung gegenüber den Serben geändert. «Ich dachte immer, Serben seien rückständig und langweilig. Nachdem ich nun hier im Kinderdorf viele gleichaltrige Serbinnen und Serben getroffen und mit einigen von ihnen Freundschaften geschlossen habe, weiss ich: Das stimmt nicht.» Oft hätten die serbischen Jugendlichen sogar die gleichen Wünsche und Hoffnungen wie sie, stellt Wiktoria weiter fest.

Ähnlich wie Wiktoria geht es Veljko aus der serbischen Grossstadt Niš. Auch er ist 13 Jahre alt, auch er konnte Vorurteile abbauen. Ihn haben besonders die Übungen beeindruckt, bei denen sich die Teilnehmenden mit ihrer eigenen Identität beschäftigen. «Ich habe mich noch nie richtig mit der Frage auseinandergesetzt, wer ich eigentlich bin und was ich will. Im Kinderdorf habe ich das getan, und es war eine ganz neue und schöne Erfahrung für mich.» Veljkos Aussage zeigt: Bevor man etwas ändern kann, ist es sinnvoll, wenn nicht sogar nötig, sich selber und seine Werte gut zu kennen.

Radio, Säntis und Co.

Im Verlauf ihres Aufenthaltes vertiefen Wiktoria, Veljko und die anderen Jugendlichen das Erlernte in eigenen Radiosendungen im Kinder- und Jugendradio «powerup», verbringen ihre Freizeit gemeinsam im Jugendtreff, in der Turnhalle im Kinderdorf oder machen Ausflüge. Unter anderem waren die Jugendlichen Schlittschuh laufen in Heiden und fuhren auf den Säntis sowie nach Luzern. Die Freizeitgestaltung stellt einen weiteren wichtigen Pfeiler im Gesamtkonzept dar. Durch die zusätzlichen Begegnungen und Gespräche, die in diesem Rahmen stattfinden, werden die Jugendlichen noch mehr in ihrer Persönlichkeit gefördert.

Bei den interkulturellen Austauschprojekten im Kinderdorf büffeln die Kinder und Jugendlichen keinen Schulstoff. Sie werden von erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen angeleitet, begleitet und bestärkt, ihre Welt durch Erleben und Erfahren besser kennenzulernen. Im Kern geht es immer um die Auseinandersetzung mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Fest steht, die Jugendlichen aus Polen und Serbien kehren mit mehr Verbindendem als Trennendem zurück in ihre Heimat.

Erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins mehr über die interkulturellen Austauschprojekte im Kinderdorf Pestalozzi und informieren Sie sich über weitere Neuigkeiten aus dem Kinderdorf und den internationalen Projekten.

Das Magazin steht weiter unten bereit zum Herunterladen.

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