«Es gibt keine Revolution, es ist ein Prozess.»

31.05.2018 - 08:21 | Christian Possa

Seit 30 Tagen setzt sich Ulrich Stucki als Vorsitzender der Geschäftsleitung für die Belange der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ein. Im Interview erzählt er, was ihn im ersten Monat am Meisten beschäftigt hat, was für Herausforderungen der Stiftung bevorstehen und was ihn motiviert.

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Ulrich Stucki, Sie sind seit Anfang Mai Geschäftsleiter der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi. Was für einen Eindruck haben Sie aus den bisherigen Begegnungen mit ihren Mitarbeitenden mitgenommen?

Ich bin extrem wohlwollend aufgenommen worden. Alle sind sehr kommunikativ, sehr offen, sehr interessiert. Ich habe das Gefühl, dass bei allen, mit denen ich rede, das Eis rasch gebrochen ist. Es kommt einem gleich ein Schwall entgegen - Statements, Ideen, manchmal Frustration, aber auch Stolz und Motivation, wo man merkt: Wow, hier leben die Leute und identifizieren sich mit dem Kinderdorf. Wir haben also einen Fundus, auf dem wir aufbauen können. Da kann ich meinen Vorgängern und allen, die vorher da waren nur danken, dass sie so viele kompetente Leute motivieren konnten, hierher zu kommen. Ein grosses Potenzial sehe ich darin, Programme International und Programme Schweiz, aber auch die Infrastruktur im Kinderdorf, noch besser ineinander zu verzahnen, um noch mehr Synergien zu erzeugen.

Was war Ihre erste offizielle Amtshandlung?

Gleich am ersten Tag fand bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mit anderen NGOs ein Austausch im Bereich Bildung statt. An diesem Tag bin ich sozusagen ins warme Wasser geworfen worden, da ich viele Leute schon kannte und zudem Miriam Zampatti, unsere Direktionsleiterin Programme International, im Lead war. Aber als ich an meinem zweiten Arbeitstag ins Kinderdorf kam, um die Mitarbeitenden der Stiftung zu treffen, war dies die erste offizielle Amtshandlung, die sich rechtmässig anfühlte. Zudem habe ich in der zweiten Woche als erste aussenstehende Partnerin Dorothea Altherr, die Gemeindepräsidentin von Trogen, getroffen. Das war der Moment, wo ich das Gefühl hatte: jetzt vertrete ich jemanden, jetzt spüre ich, wie wir wahrgenommen werden, jetzt haben wir eine Partnerschaft, die wir aufbauen können.

Wie haben Sie Ihre ersten 30 Tage im Amt erlebt?

Ich habe das Kinderdorf als ganz spannende Organisation mit sehr kompetenten und engagierten Leuten kennengelernt, die eine grosse Motivation haben, im Bereich Bildung eine bessere Zukunft mitzugestalten. Es ist ein Pool aus Kompetenz und Ideen, der mir wie eine Welle entgegenschwappt. Und dies nehme ich einfach mal auf. Ich versuche es einzuordnen, um es zu verstehen. Dies war mein Fokus in den ersten 30 Tagen.

«Wow, hier leben die Leute und identifizieren sich mit dem Kinderdorf.»

Ulrich Stucki – Vorsitzender der Geschäftsleitung

Wie deckt sich Ihre bisherige Wahrnehmung der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi mit der Innenperspektive, die Sie heute haben?

Bis jetzt habe ich keine Überraschungen erlebt. Ich habe das Gefühl, dass ich merke, wo die Leute anstehen. Und ich habe im Positiven gemerkt, wieviel Substanz da ist, auf die man aufbauen kann. Ich glaube, dass wir in der Kommunikation noch einiges verbessern können. Das ist eine Aufgabe, die ich angehen muss: Wie nehmen wir diese Kompetenz, kehren sie gegen aussen und kommunizieren sie den Leuten, damit sie besser verstehen, was wir machen und mit uns in einer Partnerschaft diese Ziele angehen wollen? Die starke Verankerung der Stiftung im Appenzell Ausserrhoden, in Trogen, ist für uns sehr wertvoll. Es gibt keine Organisation in der Schweiz, wo man die Türe aufmachen und hineinlaufen kann und den Bildungsgroove in solch einem Setting spürt, wie wir das haben. Das Kinderdorf hat ein Alleinstellungsmerkmal: Wir leben Bildung im Inland und können im Ausland davon profitieren und Projekte umsetzen. Das schafft keine andere Organisation in dem Format, wie wir das haben. Das ist eindrücklich, aber auch keine Überraschung für mich, denn so hatte ich das Kinderdorf Pestalozzi schon vorher wahrgenommen.

Was hat Sie im ersten Monat im Kinderdorf am Meisten beschäftigt?

Leute kennenzulernen und zuzuhören. Parallel dazu gilt es den Prozess zur Strategieerarbeitung so aufzugleisen, dass wir allen Leuten zuhören können, die etwas dazu zu sagen haben. Und das ist noch schwierig. Ich muss eigentlich schon liefern, bevor ich verstehe. Darum höre ich den Leuten zu, arbeite parallel dazu schon konzeptionell und gebe Inputs. Das sind die zwei Stränge der ersten 30 Tage und diese werden mich im ersten Jahr weiter begleiten. Die Umsetzung und Umgestaltung, wo man wirklich etwas sieht, wird kollektiv umgesetzt. Dies wird aber erst Mitte des nächsten Jahres der Fall sein. Da müssen wir keine Illusionen haben. Darum sage ich: Es gibt keine Revolution, es ist ein Prozess.

Welche Herausforderungen stehen der Stiftung in den nächsten Jahren bevor?

Wenn wir noch eine Ebene höher gehen, müssen wir uns den Kontext anschauen, in dem wir uns bewegen: Bildung und Entwicklungszusammenarbeit. Auf Bundesebene wird genau in diesen beiden Bereichen gekürzt, da haben wir ein wenig Pech. Aber dies ist nicht repräsentativ, da die Leute trotzdem in diesem Bereich investieren wollen, vor allem in Bildung. Darum ist dies auch eine Chance: Wenn der Bund nicht mehr investieren will, kann die Bevölkerung dies über uns beeinflussen.

«Wir können uns noch besser aufstellen, noch mehr machen und nie aufhören zu kämpfen.»

Ulrich Stucki – Vorsitzender der Geschäftsleitung

Also wird der Kuchen insgesamt nicht zwingend kleiner?

Der Kuchen der öffentlichen Gelder wird kleiner. Aber wenn man den Leuten erklären kann, warum mehr in qualitative Bildung investiert werden muss, dann ist dies für uns eine Chance, das Bildungssystem in der Schweiz und im Ausland zu beeinflussen. Wenn der Bürger sieht, dass der Staat am falschen Ort investiert, dann hoffen wir, dass sie zu uns kommen, damit wir dies korrigieren können. Von dem her ist der Kontext wichtig: wir müssen verstärkt dafür sorgen, dass Entwicklungszusammenarbeit und Bildung beim Staat und bei den Bürgern auf die Agenda kommt. Das ist eine grosse Herausforderung. Dazu kommt, dass die Investitionen in eine friedvollere Zukunft sehr gross sind und sehr schnell wieder kaputt gemacht werden können. Darum ist es wichtig, trotz schlechter Nachrichten im Umfeld, im Ausland, trotz des Elends in den Entwicklungsländern motiviert zu bleiben und zu versuchen, möglichst vielen Leuten eine bessere Zukunft zu gewährleisten.

Wie gelingt es Ihnen, motiviert zu bleiben?

Das ist eine gute Frage. Zynismus, Alkohol oder Sucht sind das Schlimmste. Ich konnte dies in vielen Organisationen beobachten, dass diejenigen, die zu lange in schwierigen Kontexten arbeiteten, irgendwann eine gewisse Müdigkeit hatten, zynisch wurden und gerne mal ein Schlückchen tranken, um zu vergessen. Dagegen wehre ich mich völlig, das will ich nicht. Ich tanke Energie bei meiner Familie. Da kann ich abschalten, das ist sehr wichtig. Es gibt mir auch Kraft, all die guten Leute zu sehen, die etwas bewirken. Wenn ich zum Beispiel ins Kinderdorf Pestalozzi komme, dann bin ich am Abend erschöpft vom vielen Reisen, aber nur physisch. Geistig bin ich extrem reich und das treibt mich an. Eine Organisation zu leiten und Leuten zuzuhören, gibt mir wahnsinnig viel Energie und eine noch grössere Motivation. Aber ich weiss: An sich geht es der Welt nicht besser. An sich ist das, was die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi leisten kann, ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber trotzdem können wir uns noch besser aufstellen, noch mehr machen und nie aufhören zu kämpfen. Es stärkt, wenn man sieht, wer gemeinsam mit einem am Strick zieht und dann kann man dadurch diejenigen ignorieren, die am anderen Ende ziehen. Für uns als Stiftung ist es wichtig, dass wir uns bei jedem Franken genau überlegen, wo wir ihn investieren, damit wir das Maximale herausholen können, um das Ziel zu erreichen.

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