Begegnungen über
Ländergrenzen hinweg
Gosia
Projekte Schweiz

«Es hat mir das Gefühl gegeben, Teil von etwas Wichtigem zu sein»

Eine Woche lang wird das Kinderdorf Pestalozzi zum Treffpunkt für rund 150 Jugendliche aus zehn europäischen Ländern. Zwischen Workshops, gemeinsamem Alltag und Begegnungen über Ländergrenzen hinweg entdeckt die 17-jährige Gosia neue Perspektiven auf sich selbst, auf andere und auf die Welt.

Der Bus hält vor dem Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Als sich die Türen öffnen, steigen Jugendliche mit schweren Taschen aus – einige noch müde, andere schauen sich neugierig um. Mittendrin steht Gosia. Die 17-Jährige aus Polen ist zum ersten Mal in der Schweiz und nimmt am European Youth Forum Trogen teil. 

Eine Woche lang leben Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam im Kinderdorf. Sie besuchen Workshops, diskutieren über Frieden, Klimawandel und Demokratie und erleben, was interkultureller Austausch im Alltag wirklich bedeutet. 

«Ich hätte nicht erwartet, dass alle sofort so offen sind. Die Leute wollten direkt reden, mitgebrachtes Essen aus ihrer Heimat teilen und sich kennenlernen.»

Gosia, EYFT-Teilnehmerin

«Als wir aus dem Bus gestiegen sind, haben andere Delegationen schon gewunken und gerufen», erinnert sich Gosia. «Die Atmosphäre war sofort unglaublich freundlich.» Schon bald prägen unterschiedliche Sprachen, kleine und grosse Gruppen sowie angeregte Gespräche den Alltag im Kinderdorf. Englisch wird zur gemeinsamen Sprache. 

eyft

Vorurteile hinterfragen 

Gosia entscheidet sich für den Workshop «Beautiful Trouble» – einen von fünf Workshops, die den inhaltlichen Rahmen des EYFT bilden. Dort setzt sich die Gruppe mit Identität, Stereotypen und den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Problemen auseinander.

Die Jugendlichen untersuchen, welche Etiketten die Gesellschaft etwa Geflüchteten, Frauen, Männern oder anderen Gruppen zuschreibt – und wie verletzend und falsch solche Zuschreibungen sein können. «Viele Menschen urteilen über andere, obwohl sie diese noch nie getroffen oder mit ihnen gesprochen haben», sagt Gosia. Für sie können solche Annahmen sogar am Anfang von Gewalt und gesellschaftlichen Konflikten stehen. 

Gleichzeitig bringen die Teilnehmenden Erfahrungen aus ihren Ländern ein. Sie sprechen über Korruption, Inflation, die Klimakrise oder Gewalt und lernen Herausforderungen kennen, die in ihrem eigenen Alltag kaum sichtbar sind. Gosia wird dabei bewusst, wie begrenzt die eigene Perspektive sein kann. «Die meisten von uns leben in einer Art Blase», findet sie. «Unser Leben entspricht nur einem kleinen Teil dessen, wie Menschen auf der Welt leben.» 

Die Auseinandersetzung mit Privilegien lässt sie ihren eigenen Alltag neu einordnen – ohne Probleme gegeneinander aufzuwiegen, aber mit einem stärkeren Bewusstsein für unterschiedliche Ausgangslagen.

«Viele Menschen urteilen über andere, obwohl sie diese noch nie getroffen oder mit ihnen gesprochen haben.»

Gosia, EYFT-Teilnehmerin

Eine der Methoden im Workshop fordert Gosia besonders heraus: das Zeichnen. Bisher zählt es nicht zu ihren Stärken, und als selbsternannte Perfektionistin fällt es ihr nicht leicht: «Wenn ich etwas mache, will ich, dass es perfekt ist», betont sie. 

Trotzdem lässt sie sich auf die Aufgabe ein, bringt ihre Gedanken aufs Papier – und ist am Ende zufrieden: «Auch wenn es nicht perfekt war, war es meins.» Die erlebnisorientierten pädagogischen Ansätze im Projekt ermutigen die Teilnehmenden bewusst, ihre Komfortzone zu verlassen, Neues auszuprobieren und Fähigkeiten an sich zu entdecken, die sie vorher noch nicht gekannt haben.

Gosia überwand ihre Angst zu scheitern und erlebte, dass nicht das perfekte Ergebnis zählt, sondern der Mut, sich auszudrücken.

Kunst

Was uns verbindet

Mindestens so wichtig wie die Workshops sind die Begegnungen ausserhalb des Programms. Gosia lebt mit Jugendlichen aus Frankreich und der Ukraine in einem Haus. Sie verbringen den Alltag, übernehmen gemeinsam Aufgaben und sprechen abends über Schule, Musik, Politik und Krieg.

«Im Fernsehen und im Internet sieht man viele Informationen über den Krieg. Aber mit Menschen zu sprechen, die das wirklich erleben, ist etwas völlig anderes.» 

Gosia, EYFT-Teilnehmerin

Die persönlichen Gespräche verändern ihren Blick. Aus einer fernen Nachricht wird die Geschichte eines Menschen, mit dem sie am selben Tisch sitzt. 

Gosia versteht besser, was es bedeutet, den Alltag unter Kriegsbedingungen weiterleben zu müssen. Diese Begegnungen hätten ihre Sicht auf die Situation in der Welt nachhaltig beeinflusst, sagt sie.

«Diese Woche hat mir Zeit gegeben, über mich selbst, die Gesellschaft und die Situation in der Welt nachzudenken.»

Gosia, EYFT-Teilnehmerin

Auch über andere Länder und deren gesellschaftliche Herausforderungen erfährt sie mehr. So wird ihr etwa bewusst, welche Bedeutung Messergewalt in Schottland hat oder wie stark politische Entwicklungen den Alltag junger Menschen in der Türkei prägen. 

Das Forum öffnet ihr damit die Augen für Themen, von denen sie zuvor kaum etwas wusste. Gleichzeitig fühlt sie sich erstmals als Teil von etwas Grösserem: einer europäischen Gemeinschaft junger Menschen, die nicht nur über Probleme spricht, sondern Verantwortung übernehmen will. «Es hat mir das Gefühl gegeben, Teil von etwas Wichtigem zu sein.»

Im Verlauf der Woche entstehen Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. Es wird gemeinsam gearbeitet, getanzt, gesungen und Volleyball gespielt. 

Gosia beschreibt die Atmosphäre als «partnerschaftlich, sicher, friedlich und ein bisschen verrückt». Sie lacht. Partnerschaftlich, weil die Jugendlichen Aufgaben in den Workshops und im gemeinsamen Alltag als Team bewältigen. Verrückt meint sie im besten Sinne: «Die Menschen sind offen. Man kann einfach man selbst sein.»

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Gedanken, die bleiben

Am Ende der Woche nimmt Gosia aber mehr mit als neue Kontakte. «Diese Woche hat mir Zeit gegeben, über mich selbst, die Gesellschaft und die Situation in der Welt nachzudenken», sagt sie. Sie möchte sich künftig bewusster Zeit für ihre Gedanken nehmen, sich weiter über globale Herausforderungen informieren und an weiteren Projekten teilnehmen.

Vor allem aber geben ihr die anderen Jugendlichen Hoffnung. Gosia ist überrascht, wie viele von ihnen sich mit grosser Entschlossenheit für Frieden, das Klima und eine bessere Zukunft einsetzen wollen. «In jeder Delegation konnte man diesen Willen spüren, etwas zu verändern.» 

«Für mich zeigt das EYFT, dass junge Menschen Handlungskraft besitzen und gemeinsam über nationale Grenzen hinweg Verantwortung übernehmen können.»

Gosia, EYFT-Teilnehmerin

Darin liegt für Gosia auch die besondere Bedeutung des Forums: Junge Menschen begegnen sich persönlich und erkennen, dass sie sich trotz unterschiedlicher Herkunft ähnlicher sind, als sie es im Vorhinein vermuten lassen. Sie lernen andere Perspektiven kennen und tragen diese später in ihre Schulen, Familien und Freundeskreise weiter. 

Die Wirkung endet damit nicht bei den Teilnehmenden. «Die jungen Menschen werden die Sichtweisen und Ideen, die sie hier kennenlernen, mit anderen teilen und in die Welt hinaustragen.» Vor allem aber bleibt eine Erkenntnis: «Wir sind gar nicht so verschieden. Wir arbeiten auf dasselbe Ziel hin.» Eine friedliche Zukunft

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