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EYFT 2026
Projekte Schweiz

Europa begegnet sich in Trogen

Was passiert, wenn sich 150 Jugendliche aus zehn Ländern acht Tage lang im Kinderdorf treffen und über Themen diskutieren, die junge Menschen in Europa beschäftigen? Was passiert, wenn sie zum ersten Mal auf andere Kulturen treffen, mit ihnen zusammenleben und feststellen, dass Unterschiede nicht trennen, sondern neue Perspektiven eröffnen? Ein Rückblick auf das European Youth Forum Trogen und das Youth Worker Forum 2026.

Ende Februar wurde das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen erneut zum Treffpunkt für Jugendliche aus ganz Europa. Rund 150 Teilnehmende im Alter von 16 bis 20 Jahren nahmen am European Youth Forum Trogen (EYFT) teil, um während einer Woche gemeinsam im Kinderdorf zu leben und diejenigen Themen zu behandeln, die junge Menschen in Europa bewegen.

Das EYFT brachte Jugendliche aus unterschiedlichen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten zusammen. Im Zentrum stand der Austausch über gesellschaftliche Herausforderungen und die Frage, wie Jugendliche ihre Zukunft aktiv mitgestalten können. Im Forum wurden Perspektiven sichtbar, die im Alltag oft getrennt bleiben: In fünf Workshops setzten sich die Jugendlichen mit Klima, Frieden, Demokratie, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Diskriminierung auseinander. Dabei standen gemeinsame Diskussionen ebenso im Mittelpunkt wie individuelle Reflexionen und Freizeitaktivitäten.

https://www.pestalozzi.ch/de/projekte/schweiz/youthworkerforum

Über Zukunft mitbestimmen

Im Workshop «Beautiful Trouble» beschäftigten sich die jungen Erwachsenen intensiv mit Identität und gesellschaftlichen Stereotypen. Fragen wie «Wo fühlst du dich zuhause?» oder «Mit welchen Klischees wirst du konfrontiert?» brachten Vorurteile ans Licht und eröffneten Diskurse über Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei den Teilnehmenden. Gleichzeitig übertrugen sie diese Überlegungen auf globale Herausforderungen: Klimawandel, soziale Ungleichheit und politische Konflikte wurden nicht nur als individuelle Probleme betrachtet, sondern als Themen, bei denen voreingenommene Sichtweisen und Missverständnisse konstruktive Lösungen erschweren. Schnell wurde deutlich: Das Aufbrechen von Vorurteilen ist einer von vielen Schlüssel, um globale Herausforderungen konstruktiv anzugehen.

Neben den Workshops prägte vor allem das Zusammenleben im Kinderdorf die Woche. Die «changemakers of the future» lebten in durchmischten Gruppen zusammen. So lernten sie, ihren Alltag mit Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zu teilen und verschiedenen Lebensrealitäten zu begegnen. Gosia, eine Teilnehmerin aus Polen, beschrieb ihren ersten Moment im Kinderdorf so: «Als wir aus dem Bus stiegen, haben uns andere Delegationen schon gewunken und zugerufen. Die Atmosphäre war sofort unglaublich herzlich.»

EYFT 2026 European Youth Worker Forum Trogen Kinderdorf Pestalozzi

Im Verlauf der Woche entstanden Begegnungen, die über das offizielle Programm hinausgingen. Gerade diese Begegnungen können Perspektiven verändern: «Im Internet sieht man viele News über aktuelle Probleme in der Welt», erzählte eine 17-Jährige. «Aber mit Menschen zu sprechen, die das wirklich erleben, ist etwas völlig anderes. Jeder hat seinen eigenen Hintergrund, aber wir teilen viele Gemeinsamkeiten und können Missstände nur gemeinsam meistern.»

Ein zentrales Element des EYFT war die Mitbestimmung. In den sogenannten General Assemblies, einem täglichen Austauschformat, brachten die Jugendlichen ihre Anliegen aus den Workshops ein, erörterten Lösungswege und trafen gemeinsame Entscheidungen. So erlebten sie demokratische Prozesse unmittelbar und lernten, unterschiedliche Positionen und Bedürfnisse auszuhandeln.

EYFT 2026 European Youth Worker Forum Trogen Kinderdorf Pestalozzi

Interdisziplinärer Austausch beim Youth Worker Forum

Parallel zum EYFT fand das Youth Worker Forum (YWF) statt. Fachpersonen der Jugendarbeit aus verschiedenen europäischen Ländern diskutierten, wie Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen entstehen und wie Prävention in der Praxis gelingen kann. Eine zentrale Erkenntnis war, dass Radikalisierung oft nicht mit einer Ideologie beginnt, sondern aus Gefühlen von Ausgrenzung, Ungerechtigkeit oder fehlender Zugehörigkeit entsteht – was die Bedeutung von Gemeinschaft und sozialer Unterstützung unterstreicht.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Rolle sozialer Medien: Sie können Radikalisierung verstärken, bieten aber zugleich neue Zugänge für Prävention. Das Projekt digitalstreetwork.ch, das aufsuchende digitale Jugendarbeit betreibt und vom Kinderdorf Pestalozzi umgesetzt wird, brachte praxisnahes Wissen in diesen interdisziplinären Rahmen ein. So entstand ein produktiver Austausch zwischen Forschung, praktischer Jugendarbeit und Kompetenzentwicklung. Die Teilnehmenden identifizierten zentrale Fragen und Handlungsfelder für die Zukunft – von Kriterien erfolgreicher Präventionsstrategien bis zur Unterstützung bereits radikalisierter Jugendlicher – und profitierten dabei vom Erfahrungsaustausch mit Fachpersonen aus anderen Ländern.

EYFT 2026

Lernen über Grenzen hinweg

Der Austausch zwischen Fachpersonen und die Erfahrungen der Jugendlichen zeigten, wie wichtig internationale Begegnungen sind. Sie ermöglichen Einblicke in andere Lebensrealitäten, fördern den Dialog über gesellschaftliche Fragen und stärken das Bewusstsein dafür, dass viele Herausforderungen über nationale Grenzen hinausgehen.

Am Ende der Woche präsentierten die Workshopgruppen ihre Ergebnisse allen 150 Teilnehmenden. Sie stellten Ideen, Diskussionen und Perspektiven vor – von Strategien gegen Diskriminierung bis zu Ansätzen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine Teilnehmerin aus der Ukraine brachte eine zentrale Frage vieler Jugendlicher auf den Punkt: «Was kann ich als junger Mensch gegen diese Probleme in der Welt tun?» Oft werde Jugendlichen vermittelt, dass ihre Stimme wenig Gewicht habe. «Aber das stimmt nicht», sagte sie. «Wenn du deine Stimme laut und selbstbewusst erhebst, kannst du vieles verändern. Denn: grosse Dinge beginnen oft im Kleinen.» Ihre Worte fassten zusammen, was viele aus dieser Woche mitnehmen: Engagement beginnt bereits im Kleinen, und junge Menschen können die Zukunft aktiv mitgestalten.

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