Vor zwölf Jahren schloss das Kinderdorf Pestalozzi sein letztes Wohnheim. Seitdem leben keine Kinder und Jugendlichen mehr dauerhaft in Trogen. Dennoch ist das Kinderdorf nach wie vor ein lebendiger Ort für Bildungsarbeit, in dem junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen. Damian Zimmermann, Leiter Bildung und Mitglied der Geschäftsleitung, erzählt, wie sich die Arbeit des Kinderdorfs in den letzten Jahren entwickelt hat und wo die Schwerpunkte heute liegen.
Seit 2014 leben keine Kinder mehr dauerhaft im Kinderdorf. Welche Ansätze verfolgt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in der Bildungsarbeit heute?
Die Projekte, die wir heute durchführen, haben eine lange Tradition. Viele existieren bereits seit den 1990er-Jahren. Schon damals kamen Schulklassen zu uns, um ausserhalb des regulären Unterrichts zu lernen. Mit dem Ende des dauerhaften Wohnens haben wir diese bestehenden Programme verstärkt und die Ressourcen gezielt auf Bildungsangebote konzentriert.
«Kinderrechte, interkulturelle Bildung und die aktive Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen stehen dabei im Zentrum.»
Wie haben sich die Projekte, zum Beispiel Themenprojektwochen, Medienbildungsprojekte oder Austauschprogramme, über die Jahre entwickelt?
Die Entwicklung unserer Bildungsprogramme orientiert sich immer an den Bedürfnissen von Kindern, Jugendlichen und Schulen. Bei den Themenprojektwochen bearbeiten Schüler*innen zentrale gesellschaftliche Themen, reflektieren eigene Standpunkte und entwickeln Handlungskompetenzen.
In den Medienbildungsprojekten vermitteln wir einen kompetenten Umgang mit Medien und stärken die Fähigkeit, die alltägliche Flut an Informationen einzuordnen. Die internationalen Austauschprogramme wiederum bringen junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen und fördern interkulturelles Verständnis gegenüber anderen Realitäten.
This external content is currently hidden. If you wish to enable it, press the button below.
I agree to display content from external services. They may receive and store personal data. See our privacy policy for more informationMit zunehmenden Ressourcen konnten wir nicht nur mehr Projekte umsetzen, sondern auch mehr Kinder und Jugendliche erreichen. Zu Beginn des Jahrtausends kamen mobile Projekte hinzu: Mit den Radiobussen des hauseigenen powerup_radio können Projekte direkt in Schulen durchgeführt werden, wodurch wir Menschen in der ganzen Schweiz noch unmittelbarer erreichen.
Gleichzeitig haben digitale Medien einen stärkeren Einfluss: Unsere Arbeit mit Medienbildung wurde deshalb intensiviert, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, Inhalte kritisch zu hinterfragen und Medien konstruktiv in ihr Leben zu integrieren.»
«Interkulturelle Verständigung ist tief in unserer DNA verankert.»
Parallel dazu verstärkt das Kinderdorf den Fokus auf interkulturelle Verständigung, globales Lernen und Demokratiebildung. Was hat dies ausgelöst?
Der Wandel begann mit der Strategie, unsere Programme inhaltlich zu harmonisieren und Bildungsangebote gezielt zu entwickeln. Interkulturelle Verständigung ist tief in unserer DNA verankert. Sie hilft jungen Menschen, sich selbst und andere Kulturen zu verstehen.
Globales Lernen ergänzt diesen Ansatz, indem wir Kinder und Jugendliche befähigen, globale Themen kritisch zu reflektieren und ihre Rolle in einer vernetzten Welt zu erkennen. Demokratiebildung hingegen ist ein relativ neues Feld, das wir in den letzten Jahren gezielt aufgebaut haben.
Ziel ist es, dass Heranwachsende ihre Rechte kennen, ihre Stimme erheben und sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einbringen. Alle Schwerpunkte sollen junge Menschen darin befähigen, verantwortungsvoll und selbstbewusst in einer komplexen Welt zu handeln.»
Warum sind Kinderrechtsbildung, Medienkompetenz und inter- kulturelle Bildung früher wie heute besonders wertvoll?
Junge Menschen wachsen in einer Zeit auf, die von Unsicherheit und schnellen Veränderungen geprägt ist. Sie sind täglich mit einer Fülle an Informationen, unterschiedlichen Perspektiven und globalen Entwicklungen konfrontiert.
Kinderrechte geben ihnen dabei Orientierung und Sicherheit, Medienkompetenz hilft ihnen, diese Flut einzuordnen, und interkulturelle Bildung fördert das Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten.
So lernen sie, eigene Standpunkte zu entwickeln, andere Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung im Zusammenleben zu übernehmen – essenzielle Fähigkeiten für eine demokratische Gesellschaft.
«Viele ehemalige Teilnehmende berichten noch Jahre später, dass ihre Erfahrungen im Kinderdorf wegweisend waren.»
This external content is currently hidden. If you wish to enable it, press the button below.
I agree to display content from external services. They may receive and store personal data. See our privacy policy for more informationWoran lässt sich erkennen, dass die Erfahrungen im Kinderdorf wirken?
Die Leistungen von Bildung in all ihren Facetten zu messen, stellt eine grosse Herausforderung dar. Die Wirkung unserer Projekte zeigt sich jedoch auf unterschiedlichen Ebenen.
Qualitativ geben Rückmeldungen von Lehrpersonen, Begleitpersonen und den Jugendlichen selbst Aufschluss: Kinder fühlen sich bei uns wahrgenommen, entwickeln eigene Haltungen und beteiligen sich aktiv in Schule und Gemeinde. Quantitativ erfassen wir diese Effekte durch Befragungen nach Projektabschluss, Feedbackbögen und längerfristigen Studien.
Was wir immer wieder hören, ist, dass sich die Kinder bei uns in besonderem Masse wahrgenommen und gestärkt gefühlt haben. Nicht nur für ihre Bildungs- oder Berufswege, sondern auch dafür, dass sie die im Kinderdorf erworbenen Kompetenzen aktiv im gesellschaftlichen Engagement und in ihrem Umfeld einsetzen.
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«Ob bei der Stärkung von Kinderrechten, interkulturellem Verständnis oder demokratischer Partizipation: Wir möchten junge Menschen befähigen, aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben und Verantwortung für eine friedliche Zukunft zu übernehmen.»
Wie passt das Kinderdorf seine Bildungsarbeit an die sich ständig verändernden Lebenswelten junger Menschen an?
Wir reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen und die technologischen Veränderungen. Neben Schulklassen und Projekten vor Ort bieten wir digitale Formate wie digitalstreetwork.ch an, ein schweizweit einzigartiges Modellprojekt zu digitaler Jugendarbeit.
Auch die Erwachsenenbildung gewinnt für uns an Bedeutung: Lehrpersonen, Sozialarbeiter*innen und Organisationen werden einbezogen, um nachhaltige Lernprozesse zu fördern.
Inwiefern knüpfen neue Initiativen wie der Peace Education and Empowerment Summit an die Vision von Gründer Walter Robert Corti an?
Alle unsere Bildungsprojekte orientieren sich an der Vision von Corti: eine friedliche, solidarische und zukunftsfähige Welt.
Gleichzeitig ist Cortis Ansatz stets mit dem Gedanken verbunden, dass engagierte Erwachsene und verlässliche Netzwerke diese Vision mittragen. Schon 1946, bei der Entstehung des Kinderdorfs waren die Mitwirkenden stark vernetzt und brachten fachliche wie auch visionäre Unterstützung ein.
Diese Dimension – starke Begleitung durch Erwachsene und ein tragfähiges Netzwerk – ist bis heute zentral und wird durch Bildungsprojekte wie den Peace Education and Empowerment Summit weitergeführt und verstärkt.