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Zwei Studenten, zwei Schulen
Projekte weltweit

Ein Schulmodell mit nationaler Wirkung

Der Übergang von der Primar- in die Sekundarschule ist im serbischen Bildungssystem ein besonders kritischer Moment – vor allem für Kinder aus marginalisierten Gemeinschaften. Genau an dieser Schnittstelle setzte unser Projekt «Gemeinsam in die Sekundarschule» an, das Ende Jahr erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Es stärkte zahlreiche Kinder und Jugendliche und entwickelte zugleich ein Schulmodell mit landesweitem Skalierungspotenzial.

In den beteiligten Schulen stieg der Anteil der Roma-Schüler*innen mit erfolgreichem Übertritt in die Sekundarstufe innerhalb von sechs Jahren von 52,6 auf über 90 Prozent, während die Abbruchquoten deutlich sanken. Möglich machte dies ein systematisches Übergangsmodell: Risiken wurden früh erkannt, Kinder gezielt vorbereitet und auch nach dem Übertritt eng begleitet. 

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Zwei Schüler, zwei Schulen – gemeinsam auf dem Weg zum Erfolg

Exemplarisch für die markanten Verbesserungen auf individueller Ebene stehen die Geschichten von Denis (18) und Filip (15). Beide standen zwischenzeitlich kurz davor, die Schule abzubrechen. Die Gründe dafür waren unterschiedlich und reichten von familiären Herausforderungen und Problemen über Lernschwierigkeiten und Wohnortwechsel bis hin zum Gefühl, nicht gut genug für die Schule zu sein, oder zu fehlenden Ambitionen für eine weiterführende Ausbildung.

Gespräch mit Lehrpersonen

Dass sie ihren Bildungsweg trotzdem fortsetzten und heute optimistisch in die Zukunft blicken können, ist das Resultat des institutionalisierten Zusammenspiels zwischen engagierten Lehrpersonen und frühzeitig reagierenden Fachpersonen – getragen von grossem Engagement und gegenseitigem Vertrauen.

Im Fall von Denis und Filip haben die Primarschule Vuk Karadzic und die Technical High School in Ćuprija pädagogische Profile der Schüler ausgetauscht, gemeinsame Förderpläne entwickelt und einen kontinuierlichen Austausch etabliert, um den Übergang in die Sekundarstufe eng zu begleiten und die Fortschritte bis zum Abschluss zu verfolgen.

Denis

«Ich hatte immer Vertrauen zu meinen Lehrerinnen und Lehrern. Wann immer ich ein Problem hatte, konnte ich mich an sie wenden.»

Denis (18)

Weiterführende Schule statt früher Arbeitsstart

Denis wächst in einer achtköpfigen Roma-Familie auf. In seiner Freizeit arbeitet er als DJ und Sänger, besonders spanische Musik hat es ihm angetan. «Musik ist die Hälfte meines Lebens», sagt er. Der Schulpsychologe erzählt stolz, dass Denis die Hymne seiner Sekundarschule komponiert hat. Um seinen Wortschatz zu erweitern, liest Denis viel. Sein Lieblingsbuch erhielt er als Geschenk zum Sekundarschulabschluss.

Die Primarschule beschreibt er rückblickend als Paradies. «Ich habe acht Jahre meines Lebens hier verbracht. Ich kenne jede Lehrperson in- und auswendig, und sie kennen mich auch.» Besonders wichtig waren für ihn die Klassenlehrerin und die Pädagogin: «Ich hatte immer Vertrauen zu ihnen. Wann immer ich ein Problem hatte, konnte ich mich an sie wenden.» Auch in der Sekundarschule fühlte er sich gut aufgehoben, besonders im praxisnahen Unterricht.

Denis und Unterstützerinnen

Ursprünglich war Denis fest entschlossen, nach der Primarschule direkt ins Berufsleben einzusteigen und seinem Vater als Maler zu helfen. Ein Übertritt in die Sekundarschule kam für ihn zunächst nicht infrage. Erst durch gezielte Berufsorientierung, zahlreiche Aktivitäten zur Laufbahnplanung und die enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern entschied er sich um – und schloss den Bildungsgang Möbelfertigung erfolgreich ab. 

«In der Sekundarschule war ich sogar noch besser. Ich war motivierter zu lernen und wählte ein Bildungsprofil, das mir wirklich gefiel.» Zu seinen Highlights in dieser Zeit zählten der praxisorientierte Unterricht, die verschiedenen Workshops, die Aktivitäten im Übergangsclub sowie das Zusammensein mit Gleichaltrigen.

«Bildung bedeutet für mich vor allem eines: Lesen und schreiben zu können, eine Ausbildung zu haben – und später meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können.»

Denis

Gegen Ende der Sekundarschule wuchs der Wunsch, seine Ausbildung fortzusetzen. Die Berufsberatung machte ihn auf den Studiengang «Angewandte Wissenschaft – Fachbereich Maschinenbau» aufmerksam. Und so begann für Denis im Oktober 2025 der nächste Bildungsabschnitt. Bildung bedeutet für ihn vor allem eines: «Lesen und schreiben zu können, eine Ausbildung zu haben – und später meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können.»

Filip

«Mein Klassenlehrer war immer für mich da»

Filip ist Einzelkind und lebt mit seinem geschiedenen Vater in Ćuprija. Seine Mutter wohnt in einem abgelegenen Dorf. In seiner Freizeit treibt er Sport, geht angeln und trifft Freunde. Eine Pädagogin der Primarschule beschreibt ihn als hilfsbereiten Jungen mit einem grossen Herzen, der nur auf den ersten Blick schüchtern wirkt.

Filip wechselte in der dritten Klasse an die Grundschule Vuk Karadžić. Dort unterstützten ihn Lehrpersonen, Fachkräfte und Mitschüler*innen mit vereinten Kräften. Er denkt gerne an seine Klasse und den Unterricht zurück. Die Lernhilfen, die Beratung und die enge Begleitung hätten ihm geholfen, den Schulalltag zu meistern und Unsicherheiten zu überwinden. «Die Lehrer waren für mich ein Vorbild, besonders der Klassenlehrer, der immer für mich da war», betont Filip.

Filip mit Unterstützern

Die Schule unterstützte ihn auch in der Berufsorientierung. Schon früh interessierte sich Filip für Verkehr und Logistik. Bei der Wahl seiner weiterführenden Schule schwankte er zunächst zwischen zwei Optionen. Nach Gesprächen mit Gleichaltrigen und Fachpersonen entschied er sich für die Technische Schule in Ćuprija, wo er sich vergangenes Jahr für den Bildungsgang «Logistik- und Speditionstechniker» einschrieb. Bestärkt in diesem Entscheid hat ihn auch die Geschichte von Denis.

slavica_kijevcanin

«Dies ist eine Geschichte über Partnerschaft, Engagement und den Aufbau von Brücken für die Schwächsten – damit sie ihren Bildungsweg erfolgreich abschliessen können.»

Slavica Kijevcanin, SKP-Länderverantwortliche Serbien

Institutionalisierte Praxis mit Skalierungspotenzial

Heute haben sowohl Denis als auch Filip klare Pläne für ihre Zukunft – und vor allem Vertrauen in sich selbst. Ihre Wege zeigen, wie entscheidend eine enge Zusammenarbeit zwischen Primar- und Sekundarschule sein kann. 

Was als Projekt begann, ist heute im System verankert: Gesetzlich verpflichtende Übergangspläne, klare Zuständigkeiten, standardisierte Instrumente und interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Gemeindeebene sorgen dafür, dass Schulen die Massnahmen eigenständig umsetzen. Die Verantwortung liegt nicht mehr bei Einzelnen, sondern ist Teil institutioneller Praxis.

Diese Wirkung blieb auch national nicht unbeachtet. Das Bildungsministerium erkannte das Modell offiziell als sehr effektiv an und sagte die landesweite Umsetzung zu. Damit verändert sich nicht nur der Zugang zur Sekundarschule, sondern auch der schulische Umgang mit benachteiligten Kindern. So entsteht eine Grundlage für individuelle Bildungswege, die zuvor kaum möglich waren.

Das Programm wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, unterstützt.

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